Donnerstag, 11. August 2016

Cinéma des Ghoules

Definitiv ist die Murnau-Stiftung in Wiesbaden nicht ganz unumstritten, wenn es um das Aufarbeiten von Kinotoxinen der Nazi-Zeit geht. Ebenso unumstritten leistet die Stiftung teilweise Großartiges bei der Wiederherstellung verlorener Kulturschätze der Stummfilmzeit. Metropolis haben sie in dieses Jahrtausend gebracht, und jetzt hatte ich das Vergnügen einen anderen Klassiker zu sehen.

Wienes Cabinet des Dr. Caligari gilt als Meilenstein des expressionistischen Kinos. Ich kannte eine ältere Restauration bereits, aber die sorgfältig viragierte, vollständige 4K-Fassung auf Blue-Ray der Murnau-Stiftung aus dem Jahre 2014 ist ein echter Augenöffner. Die Bildschärfe dieser Version enthüllt eine Fülle an Nuancen und Details und entfaltet einen Sog aus Chaos, Verzerrung und Desorientierung. Wie er 1920 auf ein optisch und narrativ noch unerfahreneres Publikum gewirkt haben muß, kann ich mir nicht vorstellen, zumal Caligari auch der erste abendfüllende Film mit einem Twist-Ending sein dürfte.

"Caligarismus" ist ein Begriff der 1920er, der diese Ästhetik aus Licht, Schatten und optischer Ungewißheit beschreibt, die den kompletten expressionistischen Stummfilm durchzieht. Caligaris Einfluß auf die Entwicklung des US-amerikanischen Horrorfilms - sowohl kommerziell als auch avantgarde - ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Der Einfluß dieser Kino-Epoche ist international auch heute noch spürbar. Tim Burton und Terry Gilliam, um mal zwei Regisseure zu nennen, zeigen starke Einflüsse in einigen ihrer Werke.

Wer Filme der oben erwähnten Epochen mag, dem sei auch hier - ich habs bestimmt schon getan - der Roman Flicker von Theodore Roszak absolut empfohlen. Er behandelt die Faszination eines Filmwissenschaftlers für einen morbiden Stummfilmregisseur und verstrickt sich in eine okkulte Verschwörung globalen Ausmaßes. Hinreißend geschrieben, spannend von Anfang bis Ende und durchtränkt von Filmphilosophie, Hollywood-Tratsch und überraschenden Wendungen.


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