Donnerstag, 27. November 2014

Meine Begegnung mit D&D Next

Also wieder einmal eine Begegnung, eine Möglichkeit zu zerbrechender Hoffnung oder überraschendem Vergnügen. Heute D&D 5. Das hatte ich ja nach den teils wirren Playtest-Inkarnationen schon abgeschrieben, bevor mich ein flüchtiger Blick ins kostenlos erhältliche Basis-PDF dann doch wieder erwartungsfroh stimmte. Nun, denn. 3W6 und Stift geholt, die Charakterbögen runtergeladen und frisch ans Werk.

Schwer isses, leicht gewellt, das neue Spielerhandbuch. Cover? TEH AWESUM. Aber das ist schon seit BEAM-D&D 1983 so, nix Neues also. Mir fällt nur auf, daß nicht ganz klar ist, warum die Titelhelden sich mit dem Riesen (?) anlegen, da ist nirgends Beute auf dem Cover.


Den Wälzer aufschlagend entdecke ich ein überschaubares Inhaltsverzeichnis. Vorwort. Aha. Einführung. Soso. Hier werden dann schon erste Regeln besprochen, das hätte ich fast überlesen. Nicht ganz trivial, denn es handelt sich um das neue Vorteils-Nachteils-Würfeln. Mmmmh. Mehr in Kapitel 7. Gut.

Und schließlich Step-by-Step-Charakterbau. Gut. Ich werf die 3w6 warm und guck auf die Uhr.

3, 1, 2, nicht 1, 2, 3

Ähm. Zuerst Rasse wählen, dann Klasse, dann Attribute verteilen? Och nö. Leut - einer der Grundpfeiler für (A)D&D ist nun einmal, mit dem auszukommen, was das Schicksal Dir beschert.  8, 10, 12, 13, 14, 15. Jeder beginnt also mit diesen Werten, verteilt nach Gusto, welche aufregende Vielfalt. Keine 5. Keine 18. Sowas macht mich dann gleich katatonisch.

Hausregel: In D&D you do not "create" a character. You fuckin' ROLL a character. It's all in the dice.

Also denn: Str 9, Dex 16, Con 12, Int 15, Wsd 10, Cha 10. Wenn ichs richtig sehe, genau dieselbe Summe, aber aufregende neue Werte wie "9". Der Charakter wird wahrscheinlich den ersten Rules-Lawyer, der ihn sieht, in den Apoplex treiben. These numbers... they're not natural. Schön. JETZT wählen wir die Rasse. Intelligent, geschickt, nicht stark. Klingt nach Halbling und ich werde an Kapitel 2 verwiesen. Urgh. Die Illu zeigt einen total verwachsenen Halbling. Ich bin mir nicht sicher, ob sie ein singender Barde ist oder sich während eines epileptischen Anfalls schreiend an die Klampfe klammert. Jedenfalls: Niemand kann mit diesen Füßchen und den Möpsen aufrecht stehen bleiben.

Naja. Kurze Beschreibung der "Volksmerkmale" wie "klein, freundlich und neugierig", jajaja, ah, da: CRUNCH. Liest sich vertraut. Wendigkeit, erhöhte Geschicklichkeit (Dex). Mmmh. Als Lightfoot-Halbling, eine "Unterrasse" (Subrace, ich glaube da sollten sie am Terminus nachschrauben) greif ich noch 'nen CHA-Bonus jo. Also dann. Lightfoot. Name? Bungo Wallner. Die Rassenzuschläge drauf gebaut und die Attributsboni berechnet: Str 9 (0), Dex 18 (+4), Con 12 (+1), Int 15 (+2), Wsd 10 (0), Cha 11 (0). Sieht schon mal okay aus.

Klassenwahl. Naja. No-Brainer. Rogue. Ich notiere mir die Klassenfeatures auf dem Bogen, da hat sich nicht soviel geändert. Bei den Hitpoints komm ich ins Schleudern. Gut, mein Status ist 8, was Spitzes trifft mich und sie werden weniger. Temporary HP? Mmmh. Das mit den Hit Dice kommt mir auch unbekannt vor. Zwischen all dem Bekannten lauert also etliches an Neuem. Spannend. Bei den Proficiencies gibt es die Kategorien Waffen, Rüstungen und Werkzeuge. Wenn das so funktionert, wie ich glaube, ist das clever. Dazu kann ich mir dann noch vier Skills aus einer Auswahl aussuchen. Mmmh. Mmmh. Mmmmh. Stealth, Deception, Acrobatics and Perception. Bungos Besonderheiten sind derzeit zudem Sneak Attack und Diebeszunge. Das wird mehr werden in höheren Stufen und sieht auch ganz lecker aus.

In Ordnung. Attribute, Rasse, Klasse. In der Reihenfolge, die Gott gewollt hat. Was kommt als nächstes?

"Describe your Character"

Och nö. Zumindest mein erster Gedanke. Dann wirds aber doch etwas strukturierter: Kapitel 4 enthält das 5-Punkte-Programm der D&D-Charakterbeschreibung. Gesinnung, Bindungen, Ideale, Hintergrund und Fehler. Mal sehen, was so in Bungo steckt. Nach der physischen Beschreibung (klein (echt?!) und schmal) also Gesinnung, der alte Neunklang. Neutral Gut paßt am besten auf das, was sich in meinem Verstand zu bilden beginnt. Dann soll ich mir zwei Merkmale ausdenken und möglichst kurz in einem Satz beschreiben - Aspekte? Mmmh. Er ist geschickt, aber nicht weise, also unüberlegt... Geschickt: "Ich werde da sein, wo Du mich am wenigstens erwartest." Unüberlegt: "Ich werde da sein, wo Du mich am wenigstens erwartest."

Naja. Vielleicht sollte ich doch erst durch die Hintergründe - das sind weitgehend klassenunabhängige Rollenmodelle - gehen und mir anschauen, was die so anbieten an Traits, Ideals etc. Jeder kommt mit weiteren Proficiencies und Skills. Das sieht nach einer Variante des "Kit-Systems" aus, mit dem sie damals AD&D 2 rettungslos aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Alles in allem ist das ziemlich bieder. Guild Artisan? Zuckerbäcker. Zuckerbäcker-Halbling-Dieb.

Also denn: Ein weiteres Toolset kann ich bedienen. Öööööh. Ausstechförmchen und Kuchenbleche? Mal offenlassen. Eine weitere Sprache, Einsicht und Überzeugung auch noch. Schön. Dann mal an die Traits, Flaws und so weiter. Als Traits: Neugier und Geiz. Ideals: Ich kümmere mich um die meinen. Bond: Meine alte Gilde wird lernen, sich vor meiner zuckerbäckerischen Kunst zu verneigen. Flaw: Nichts steht zwischen mir und einem Stück Kuchen.

So. Na, ich weiß nicht, Nach all dem Crunch wirkt das seltsam unausgegoren und irgendwie angetackert. "Wir müssen auch das ROLLENspielerische betonen," war wohl eines der Tops auf dem Whiteboard. Aber es kommt arg schematisch daher, und die gebotenen Inhalte sind fad bis einfallslos. Der kurze Abschnitt im Erschaffungskapitel über die Implikationen der Attributswerte ("Your character's abilities") bringt rollenspielerisch deutlich mehr, weil er Gedanken anregt und nicht einfach Listen abhaken läßt.

Und dem Ende entgegen

Nach dem Ausrüsten (business as usual) sollte Bungo fertig sein, aber da ist noch einiges auf dem Bogen offen, wie z.B. Passive Perception, was nicht gefällt. So ist nicht klar, wie ich die Skills eintrage, und es folgt auch kein entsprechender Verweis. Das entdecke ich dann alles in Kapitel 7, aber ein Verweis wäre nett gewesen, wie gesagt. Die abgeleiteten Werte werden vom Erschaffungskapitel weitgehend ignoriert. Da ich mir das alles zusammensuchen muß - wenigstens gibt es einen Index - steigt die Erschaffungszeit von 50 Minuten bis Ausrüstung auf 80 Minuten bis ich wirklich alles korrekt erfaßt habe.

Fazit

Jo. Das ist wieder D&D, zumindest auf Charakterseite. Die Engine - nach den Eindrücken hier - ist eine Symbiose aus 2nd Edition und 3.X, wobei sich das Team wirklich Mühe gegeben hat, die überkomplexe Verfettung von 3.X gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die Erschaffung ist nicht komplex aber durch die schlechte Struktur unnötig kompliziert, und dieses ganze Charakterbeschreibungsgedöhns ist zum einen für die Katz, zum anderen aber sollte man es machen, um die Vorteile abzugreifen. Den Teil halte ich für überflüssig und würde ihn komplett entfernen.

Was den Power-Creep angeht, der kommen wird, ist das System der Klassenarchetypen, die ab Stufe 3 einsetzen, die wahrscheinlichste Einfallspforte. Das ist über weite Strecken das alte "Kit-System" (wie auch die Backgrounds) und den Arcane Trickster finde ich z.B. schon sehr überzogen.

Es ist das solideste D&D seit AD&D 2nd Core. Die Rückführung der Komplexität aber auch des Brettcharakters, die in 3.X und 4E entstanden waren, ist gelungen. Ein rundes, sauberes System. Nicht mehr, vor allem nicht weniger. Im Endeffekt aber: Wozu existiert dieses System außerhalb merkantiler Interessen? Das wird nicht klar.

Es ist zuviel "Same old, same old", wobei ich das Alte mag, aber dafür brauch ich eben kein neues System. Die neuen, halbwegs modernen Elemente hingegen wirken unausgegoren und stellenweise angeflanscht. Daneben ist es unentschlossen; Powerbuilder werden bei Pathfinder definitiv besser bedient, und Old Schooler, naja, für die ist das alles wohl zu soft, zumal über die Hintertür ja die bescheuerten Healing Surges aus 4E noch drin geblieben sind.

Wer D&D mal ausprobieren möchte, der ist damit ganz gut bedient. Für alle anderen: Es gibt das D&D Deiner Geschmacksrichtung bereits. Und es wird Dir besser gefallen.

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