Mittwoch, 25. Februar 2015

Das Empire im Selbstversuch - American Sniper!


Deutsche Filmbesprechungen folgen seit einigen Jahren schon viel zu oft einer bequemen Formel.
  1. Intro mit ein, zwei spannenden Fakten zum Film.
  2. Schilderung von Prämisse und Plot.
  3. Handwerkliche Eindrücke (Drehbuch, Kamera, Schauspieler)
  4. Ein Absatz mit der eigenen Meinung.
Kann man machen, ist legitim, mach ich in Variationen ja auch selber. Was hier natürlich fehlt, ist eine Einordnung des Filmes, Kontextualisierung, der Blick über die Ereignisse am Rand des Filmes. Einer solchen Besprechung fehlt es an Immanenz.

Manche Filme lassen sich daher  nicht in dieses bequeme Schema pressen, das man auch nach vier Bier noch ohne Mühe abspulen kann. Ein Blick auf American Sniper z.B. verrät, daß es sich um ein Biopic handelt, das eines der politischsten Themen unserer Zeit aufgreift: Die Angriffskriege der USA seit 2001. Da wirkt eine Routinebesprechung wie die hier bestenfalls oberflächlich und fahrlässig.

Die Verwirrung des alten Mannes

Das ist durch die Thematik automatisch ein politischer Film und als solchem muß man sich ihm nähern. Wer ist die Person, deren Biographie wir hier sehen? Worum geht es auf der persönlichen und worum auf der politischen Ebene? Wer hat den Film gemacht?

Clint Eastwood ist der Schöpfer, bekannt als beinharter Reaktionär. Niemand hatte ihn je im Verdacht das hellste Früchtchen im Korb zu sein, aber spätestens seit seinem "Dialog mit dem leeren Stuhl" hat er die Fackel des gelegenheitsverwirrten Seniorradikalen aus Charlton Hestons kalten, toten Fingern gewunden.

American Sniper ist Propaganda und ungeachtet gelegentlicher Verwirrung: Eastwood weiß, was er hier tut. Wie alle Propagandisten vernebelt er diese politische Absicht und behauptet, der Film sei gar nicht politisch, sondern die Darstellung eines einzelnen Schicksals. Rührend, aber die intendierten Rezipienten dieser Propaganda - die US-Bevölkerung - wissen schon, wie sie den Film aufzufassen haben.
"Most of the conversation about what happened with our country in Iraq is negative. This (movie) is a positive portrayal," said CNN senior media correspondent Brian Stelter. "This is a film with an American hero." (Quelle "Why 'American Sniper' is a smash hit")
Man muß dazu sagen, daß (für den Fall, daß der geneigte Leser das nicht weiß) die Armee in den USA bedingungslose Verehrung genießt, auch bei dem, was dort als "links" und "liberal" gilt. Kritik an der Führung ist möglich, nicht aber am Soldaten selbst - der ist stets, immer und überall ein Held. Seth Rogen und Michael Moore mußten da ganz schnell zurückrudern.

Mitteleuropäer verstehen US-Filme nicht

Wir Mitteleuropäer verstehen das nicht, und daher verstehen wir auch amerikanische Kriegsfilme nicht. Diese sind für uns ebenso schwer zu lesen, wie japanische Animes. Als Beispiel diene Saving Private Ryan. Manche deutschen Kritiker empfanden das dargestellte Niederschießen unbewaffneter deutscher Kriegsgefangener durch lachende G.I.s als selbstreflexive Darstellung, als Kritik an der Bestialität des Krieges, die selbst die guten US Boys verrohe.


Daneben Jungs. Ich hab den Streifen in US-Kinos gesehen. Szenenapplaus und FUCK YEAH! Im "liberalen" San Francisco, in einem Programmkino für eher "Intellektuelle". Meine Begleiter haben sich nach der Vorführung für ihre Landsleute entschuldigt, was ich wiederum seltsam fand. Im Multiplex - da wollte ich das alleine überprüfen - wars dann noch 'ne Schippe härter.

So wirkt das, und so soll das wirken. Auch American Sniper ruft das ab:
When hunky Bradley Cooper's Kyle character subsequently takes out Mustafa with Skywalkerian long-distance panache (...) even the audiences in the liberal-ass Jersey City theater where I watched the movie stood up and cheered. (Quelle "American Sniper Is Almost Too Dumb to Criticize")
Works 
every
fucking
time.

Vom Psychopathen zum Helden

Wenn wir uns der zentralen Figur des Filmes nähern wollen, haben wir den Vorteil, daß diese eine Autobiographie verfaßt hat, die dem Film zugrunde liegt. American Sniper: The Autobiography of the Most Lethal Sniper in U.S. Military History. Chris Kyle war ein Scharfschütze im Irak-Krieg, mit mehr als 160 bestätigten Kills. Männer, Frauen, Kinder.

Was macht ein Scharfschütze? Er liegt im Hinterhalt und knallt Menschen mit Cal .50 ab. Männer, Frauen, Kinder. "Kaliber fuffzich" klingt jetzt ein bißchen abstrakt, gell? Ich empfehle - einen starken Magen vorausgesetzt - eine Googlebildsuche mit deaktiviertem Familienfilter. Suchbegriffe "head blown" oder "head shot cal. 50". Das illustriert das "Handwerk" dieses Mannes, das er über 160 Mal ausführte. Außerdem animiert es zum rückwärts frühstücken.

Kyle protzt mit seinen "Heldentaten" in seiner Biographie. Daß er die Iraker konsequent als "Wilde" ("Savages") bezeichnet, paßt ins Bild ebenso wie seine Schilderung eines Wettbewerbs zwischen den Snipern, wer den mehr "Kopftücher" ("ragheads") abballern kann. Abgerundet wird die Charakterzeichnung dann durch die Tatsache, daß Kyle zudem ein Aufschneider war. Er behauptete in seinem Buch, er habe Jesse Ventura eine aufs Maul gegeben. Ventura hat ihn dafür vor Gericht gezerrt und gewonnen.

Soweit per Ferndiagnose beurteilbar, verrät die Autobiographie zumindest Anfangszüge einer psychopathischen Störung.

Das also ist unser - ich zitiere hier den CNN-Editor - "American Hero." Ich denke, da ist er nahe dran, vorausgesetzt man sieht die Definition von "Held" mit einer gewissen Lockerheit. Eastwoods Film gelingt es also, die brutalen Morde eines Auftragskillers und Psychopathen in eine "positive Darstellung" umzuwandeln, der das US-amerikanische Publikum von Ost- bis Westküste zujubeln kann.

Siehst Du, sagt Joseph G. aus R., so geht das.

Und als Unterhaltung taugt er auch nix

Interessanterweise versagt der Film dann auch auf ästhetischer und handwerklicher Ebene. Vergegenwärtigen wir uns unsere Eindrücke vom Irakkrieg, egal wie flüchtig; Abu Gharaib, Drohnenmorde, Falludscha, Headshots (na, die Bilder noch im Kopf?), Shock and Awe, Torture Report... Selbst mit diesen spärlichen Infos erscheint uns das, was Eastwood uns als "grim'n'gritty", gar "realistic" verkaufen will als Disneyland. Sorry, es gibt Videospiele, die sind realistischer.

Kamera und Schnitt Stangenware, ebenso die verwendeten Farbpaletten.

Unter diesem Mittelmaß ruckelt ein Drehbuch, das eben mal alle Topoi des Kriegsfilms an Front und Heimatfront abhakt und dabei im Trivialen ersäuft. Ein bißchen moralische Zweifel reingerührt (die der echte Kyle nach eigenem Bekunden keineswegs empfand), eine Menge "stares and glares", die üblichen Sternenbanner, das blonde Mädchen, "Daddy, Daddy", Zoff mit der Alten... Ach Gott, ist das banal.

Aber es ist "relatable" in seiner Beschönigung und Vereinfachung. Die Realität ist ein mäandernd Ding, und ihre Begradigung spricht genau jene an, auf die der Film zielt, das Publikum von The Middle: Nette, einfache, aber keineswegs dumme Menschen, die ich zu schätzen gelernt habe. So baut man ein Hurrastück für die Kriegsverbrechen der Nation und diese oft so großherzigen Menschen fühlen sich gut dabei.

Vielleicht kotzt mich das am meisten an.

Addendum:

Daß diese kleine Rezension dann auf Google+ wie im nachstehenden Screenshot gezeigt auftaucht, entbehrt nicht einer gewissen, wenn auch finsteren Komik im Kontext.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Kommentare werden moderiert. Sorry.