Donnerstag, 3. September 2015

Red vs. Blue I

Jetzt habe ich also endlich Zeit, mich etwas intensiver um die Einsteigerbox von Splittermond zu kümmern. Nein, ich war nicht nett zum Penatenspiel in der Vergangenheit - das GRW wurde von mir als "entschlossen mittelmäßig" bezeichnet, das Promomaterial versuchte mich durch betonte Einfallslosigkeit zu bestechen, und die Abenteuer, die ich bisher goutierte, entsetzten durch ihre Altlasten. Was blieb mir denn neben altväterlicher Strenge, die auch lobte, wo es zu loben gab?

Aber die Einsteigerbox hab ich gehyped. Jetzt also ist es an der Zeit, sie auf Herz und Nieren zu prüfen. Aber nicht in einer einfachen Rezi, nein, wir schicken die Blue Box in einen Kampf über mehrere Runden, um zu sehen, was sie aushält.

Ooooooooooooh. Ich kann nicht hinsehn. Ich tus trotzdem. Das MUSS weh getan haben, das Gelenk hat man sogar hier in der Sprecherkabine krachen hören. Die Star Wars Box schleppt sich aus dem Ring. Sie sieht NOCH nutzloser aus als zuvor.

Mentzers Red Box geht zurück in die rechte Ecke, seit mehr als 30 Jahren ungeschlagener Meister aller Basisboxen. Die meisten ihrer Gegner sind nur noch Schatten der Vergangenheit. Sie aber steht.

Und da ist ein neuer Herausforderer. Klein. Blau. Deutsch. Er sieht furchtlos aus. Tja, er weiß nicht, was ihn da erwartet. Meine Damen und Herren, SPLITTERMOND wirft den Handschuh in den Ring. Der Gong tönt zum "Ring frei" und es beginnt.



Runde 1 - Äußerlichkeiten und Material

Die Red Box glänzte im Großformat mit einer aufregenden Covergestaltung. Sowas hatte es noch nicht gegeben in deutschen Landen. Umgekehrt kommt die SpliMo-Box geradezu knuffig daher. Sie ist im Halblingsformat und liegt gut und blau in der Hand, solide Aufmachung, schwer.

Das Coverbild enttäuscht jedoch. Die zeittypische Multikultitruppe erlebt einen Dungeonencounter in matschigen Grau-Braun mit wenig Kontrasten. Hier hätte ich mir mehr Eyecatcher gewünscht.

Aber ein großes Plus: Die Hefte sind wie beim großen roten Gegner auch klammergeheftet. Man möchte weinen, wenn man das endlich erlebt; Uhrwerk bringt mir Material mit Spieltischtauglichkeit.

Bitte, bitte, behaltet das bei!

Viele beschlich annedunnemals übrigens ein vages Gefühl der Enttäuschung, als sie ihre große rote Box öffneten. Zwei Hefte mit zusammen 120 Seiten, ein paar Würfel, ein Fettstift und viel Luft. Für 35 DM. Rechnet man die 45 % Kaufkraftverlust seitdem ein (ja, laut dem statistischen Bundesamt 44.5 %), entspricht das ungefähr 24 bis 26 Euro. Das war schon teuer. Den unbegrenzten ideellen Wert der Box, den konnte man beim Öffnen ja noch nicht absehen...

Splittermond kommt da deutlich üppiger daher. Die Textmenge der kleinen Hefte (insgesamt 225 Seiten) dürfte ähnlich sein, aber sie sind in Vollfarbe und klug gesplitted. Abenteuer sauber von den Regeln getrennt, die Regeln in separate Hefte (Erschaffung, Regeln, SL-Teil) aufgeteilt. Dazu jede Menge Goodies: Tickleiste, vorgefertigte SC in Vollfarbe, Würfel, Counter, Cheatsheets für die Spieler...

Ach ja - der Begleitzettel lügt. Er spricht von 2W10 und 2W6. In meiner Tüte liegen 3W10 und 2W6. :) Muß ich erwähnen, daß sie blau sind?

Da ist schon was drin in der Box für denselben Preis. Man könnte erwähnen, daß Mentzers D&D den ganzen Schnick-Schnack nicht nötig hat, aber wenn er schon nötig ist, dann ist es schön, daß er drin ist. Und ein paar SC-Bögen hätten bei D&D ruhig dabei sein drüfen, so im Zeitalter Prä-Web.

In Summe: Den ideellen Wert rausgenommen und rein nach Fülle, Äußerlichkeiten und vor allem Organisation geurteilt geht der Punkt - zumal bei ungefähr gleichem Preis (inflationsbereinigt) - klar an den Herausforderer in Blau.

Trotz des lahmen Coverbildes.

Blau 1 gegen Rot 0


Runde 2 - Einstieg ins Rollenspiel

In den Jahrzehnten seit dem sich die White Box aus der Ursuppe erhob, hat sich in viele Systeme eine Unart eingeschlichen, wenn sie denn erklären wollten, was denn ein Rollenspiel nun sei: Das Spieltischprotokoll bzw. "Example of Play".

SL: Udo würfel einen W6 auf deine Willenskraft.
Udo: (würfelt einen sechsseitigen Würfel) 4.
SL: Das reicht nicht.

Hrrrr. Die Blue Box verzichtet darauf. Das erste, was einem in die Hände fällt, ist ein Flyer, der eine erste Erklärung enthält, was denn ein Rollenspiel ist und wer was dabei tut und was man so in der Box findet. Überschrieben ist das mit "Ein paar Worte zum Geleit".

Ja.

Ihr wollt das doch, oder? Ihr wollt den Vergleich, Redax-II. Aber ich sprech ihn nicht aus.

Danach kommt das Hefterl "Der Pfad durchs Seelenmoor". Ein kleines Einsteigersolo für gleich jetzt und überhaupt. Das ist eine nette, atmosphärische Geschichte, die da präsentiert wird, erstaunlich variantenreich für den begrenzten Platz und durchaus spaßig. Die Sprache ist nicht zu sehr an, an, an das andere Spiel angelehnt, die Namen schon. Regeln werden überhaupt nicht erklärt und nur einmal angedeutet.

Nett, aber insgesamt verschenkt. Um zu schauen, wie man sowas richtig macht, wirft man einen Blick in die Mentzer-Box.

Auch Mentzer beginnt mit einem Überblick über die Art dieses seltsamen Hobbies ("Beginnen Sie hier zu lesen.") und braucht weitaus weniger Platz dafür. Dann wirft er den Neuling - und beide Boxen richten sich an selbe - in eine Fantasygeschichte, die zunehmend mehr Entscheidungen verlangt. Aber - und das ist der große Unterschied - er erklärt bereits die grundlegenden Regelkonzepte dabei, die mit einem erweiterten Solo dann noch vertieft werden. Wer die Solos absolviert hat, kann D&D spielen.

Wer wissen will, warum soviele die Red Box mögen: Meiner Meinung nach ist diese Einführung-ins-Rollenspiel-im-spielenden-Selbststudium das Genialste an der Box.

Nebenbei - das ist aber eine Geschmacksfrage - liegt mit der klarere Duktus der Red Box weitaus näher, sowohl im Original als auch in der Kiesow'schen Übersetzung. YMMV. Angenehm ist es übrigens, daß beide Spiele mich siezen. Ist vielleicht ein Generationsproblem, aber von Wildfremden will ich nicht angekumpelt werden.

Dieser Punkt geht klar an den Roten Platzhirschen. Mentzer kommt viel schneller zur Sache, ohne dabei an Lesevergnügen zu verlieren und hat nach 13 Seiten bereits die Spielmechaniken erklärt. Die Blue Box vertändelt eine gute didaktische Gelegenheit und kommt zunächst nicht in die Gänge.

Blau 1 vs. Rot 1


To be continued: Im zweiten Teil werfe ich einen Blick auf das "betreute Spielleiten", die Qualität der mitgelieferten Abenteuer, die Regelpräsentation und weiteres. Bin gespannt, wie sich die Blue Box gegen die Red Box schlägt. Ich hab ein gutes Gefühl vom Drüberblättern, aber wir werden sehen.

Teil 2 der Besprechung.
Teil 3 der Besprechung.

1 Kommentar:

Zant hat gesagt…

Ganz großes Internet :-)

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