Dienstag, 20. November 2012

Plädoyer für eine Paywall-Pflicht

Das ist ernst gemeint. Heute kam mir mal wieder ein Beispiel für den Qualitätsjournalismus auf den Schirm, ihr wißt schon, der dolle, handwerklich anspruchsvolle Journalismus, den man durch ein Leistungsschutzrecht in Deutschland behüten muß wie das andere scheue Reh, das Kapital.

Unter dem reißerischen Titel Islamisten wollen Pyramiden zerstören  erschien in der SZ Online ein Artikel, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob voll Subtilität Meinungsmache betrieben wird, oder ein Volontär auf seine Tastatur gekotzt hat.
Aber Gohari, der offen zu Gewalt aufruft, hat ein allen zugängliches Fernseh-Forum gefunden und wird vom Staat nicht belangt. Das sagt viel über den Zustand des nachrevolutionären Ägypten. Radikale Islamisten bestimmen den Diskurs, und das mit immer radikaleren und absurderen Forderungen.

Die fettgedruckten Passagen sind zunächst einmal vom Verfasser Thomas Avenarius unbelegt. Die erste kann ich nicht bewerten, von dem Mann hab ich noch nix gehört, und ich verfolge das Geschehen dort durchaus mit Interesse. Die zweite fette Passage ist eine glatte Lüge. Sie beteiligen sich, das ist ihr Recht und als Staatsbürger ist sogar ihre verdammte Pflicht, aber sie bestimmten den Diskurs dort nicht.

Der Rest der Passage beweist nicht den schlimmen Zustand Ägyptens, sondern den guten Zustand einer werdenden Demokratie. Menschen dürfen ihre Meinung sagen. Sogar absurde Meinungen und Weltbilder. Sie dürfen sogar absurde Meinungen und Weltbilder in den Medien zum Besten geben. Sehr gut. Bei uns heißt das übrigens Nachmittagsfernsehen, und es erfüllt mich mit mehr Sorge als das hier.

Aber wir wissen ja, in den Medien ist jeder Muselmann, der nicht vollkommen säkularisiert ist, ein "Islamist", bestenfalls, aber auch Bombenlegen liegt ihm nicht fern, und diese Grundhaltung spiegelt sich auch hier wider. Der Schreiber hält sich halbwegs an die Fakten, aber kleidet sie ihn Polemik. Daß die Fakten seiner Tendenz widersprechen, schafft natürlich Probleme für ihn.

Gohari, der in Afghanistan gegen die US-Truppen gekämpft haben will, findet zwar wenig Zustimmung. Aber zum selben Zeitpunkt wird in Ägypten eben auch darüber diskutiert, wie viel Islam das neue Grundgesetz braucht.
Hier widerspricht er selbst seinem reißerischen Titel, der nahelegt, daß die Bagger schon laufenden Motors bei Gizeh warten: Der Mann findet keine Beachtung! Wäre doch aber schade um einen schönen Hetzartikel, in dem man als Westler "Kulturgüter" verteidigt. 

Also nehmen wir die Konjunktionen "zwar", "aber" und "eben", und schwängern die Wirklichkeit mit Unheil. Hierbei konstruieren "Aber" und "zwar" grammatisch einen Widerspruch, der faktisch überhaupt nicht gegeben ist. Raunende, düstere Sprachmuster voller unausgesprochener Implikationen des Bösen sind halt Standard in der westlichen Berichterstattung über diese irren Muselmanen da unten im Morgenland. 

Nehmen wir alle subtilen Wertungen hinaus bleibt: "Gohari, der in Afghanistan gegen die US-Truppen gekämpft haben will, findet wenig Zustimmung. Zum selben Zeitpunkt wird in Ägypten darüber diskutiert, wie viel Islam das neue Grundgesetz braucht."

Und das, liebe SZ, zeichnet eine Demokratie aus: Diskussion über Regeln, Einflüsse und Grundlagen des Staates. Ich gebe zu, man kann das hier verlernen, wo alles alternativlos ist, aber in Ägypten debattiert man eben darüber, wohin die Reise gehen wird. Sich da auf einen offenkundig marginalisierten Irren und seine verwirrte Architekturkritik zu stützen ist BESTENFALLS billige Polemik, um die Entwicklung dort zu diffamieren.

Und daher verlange ich eine verpflichtende Paywall für deutsche Medien. Fehlinformationen, Verdrehungen und teils offene Hetze beileibe nicht nur gegen den Islam könnten damit teilweise eingedämmt werden. Die wenigen Irren, die tatsächlich für derlei Geld ausgeben, sind sowieso rettungslos verloren.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Aus meiner Seele gesprochen.

Caliz hat gesagt…

Dafür!!!! danke

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