Mittwoch, 6. März 2013

Spendenkonten wären vielleicht die bessere Lösung

Mit 88 mm Flak auf eine Möwe zu schießen, ist eine ungewöhnliche Tat. Aber es scheint, es war verdient, denn Jan hat gegen alle Gebote der Heiligkeit verstoßen: Er hat des Kaisers neue Kleider nicht sehen wollen und einen scharfen Kommentar zum Videoauftritt zweier Designer Autoren geschrieben (ich verlink ihn jetzt nicht nochmal).

Da gingen aber einige hoch. Und wer auch nur vollkommen sachlich seine Zustimmung äußerte, dem wurde (neben vielem anderem in sehr fragwürdigem Duktus) "Rufmord" attestiert, wie mir zum Beispiel. Mit freundlichem Link auf mich zurück, soviel Anstand ist ja. Okay, ich hab jetzt kein Problem mit hyperventilierenden Schranzen, war eher komisch zu beobachten, wie in Zeiten korrekter Sprachbereinigung die Vergangenheit im Idiolekt noch immer tief verankert scheint.

Für Soziolinguisten eine Fundgrube.

Kommen wir aber zurück zum Problem. Warum bellen die so lautstark? Weil Jan - gewollt oder ungewollt - eine unausgesprochene Grundvereinbarung gebrochen hat. In einem Kommentar zu diesem Blogbeitrag beleuchtet Fatfreddy einen wichtigen Aspekt:
(...) und verbreitet das wiederum mit stockeligen Auftritten auf beliebten RSP-Vlogs. Bereitet euch keinesfalls richtig vor, speziell nicht, wenn ihr den/die Termin(e) für das/die Interview(s) schon im voraus kennt! Wenn der erste Eindruck nämlich zu aussagekräftig oder gar mitreissend wird, fällt er nicht negativ genug auf und es entsteht keine Diskussion. Denn es geht ja auch nicht darum, euer Spiel zu präsentieren, sondern entweder Wut oder Mitleid beim potentiellen Publikum zu provozieren.
Da ist tatsächlich ein unausgesprochener Codex. Ausgehend davon, daß a) die "Macher" welche von "uns" sind und b) die Verlage davon sowieso eigentlich nicht leben können, ist Kritik tunlichst zu vermeiden. Wir kaufen die Produkte, wir jubeln sie uns schön, und wer mit klarer Kante zerreißt, was zu zerreißen ist, der ist ein Nestbeschmutzer und bekommt unseren Zorn zu spüren (Anmerkung: Gilt natürlich nicht für Produkte von Nackter Stahl.)

Denen gehe es schlecht, da dürfe man doch nicht...

Aber sicher darf man. Zunächst einmal: Ich bin keiner von "denen", ich bin Kunde. Ich hab auch keine Ahnung, wie's den Verlagen geht, Zahlen gibt es keine, warum auch immer da so ein großes Geheimnis draus gemacht wird. Das ist gefühlte Wirklichkeit, darauf nehme ich keine Rücksicht. Und sollte das wirklich ein so entscheidender Faktor sein, sollte wirklich Mitleid ein Kaufgrund für deutsche Rollo-Produkte sein; wären Spendenkonten nicht die bessere Lösung?

Was die "Macher" betrifft: Der suboptimale Auftritt - um es höflich zu sagen - bei Orkenspalter und die Reaktionen darauf haben dazu geführt, daß diese "Macher" ihren Arsch hochgekriegt haben, und sich seit zwei Tagen z.B. im Tanelorn mit Substanz zum Projekt zu äußern. Bravo, und damit die Volte zum letzten Punkt.

Es hieß auch, es sei besser, Autoren unbeholfen schwätzen, anstatt Marketingleute Hohlphrasen absondern zu lassen.

Ja. Nicht verstanden, worum es der Möwe ging (oder auch mir, falls ich mich da einbringen darf). Wir haben auch was gegen Marketingfritzen im Nullsprechmodus. Aber was von der Möwe angeprangert wurde, war gerade die Substanzlosigkeit des Gebotenen, die jede Marketingabteilung beschämt hätte. Das will was heißen.

Und es hat, wie gesagt, geholfen. Auf einmal geben die Macher echten Ausblick auf ein interessantes Projekt. Und damit ist allen gedient.

Danke, Möwe. Und jetzt werde ich nochmal lange drüber nachdenken, ob ich das poste. Ich hab eigentlich keine Lust, einen albernen Shitstorm über eine präzise, zutreffende Kritik zu verlängern.


Kommentare:

Slave_0ne hat gesagt…

+1

Und nur um des Friedens des Martkes willen, geh ich nun nicht darauf ein wie "toll" es sich für Kunden anfühlt wenn auf der Off. Webpräsenz weniger Informationen zu finden sind als in einem "freien" Forum.
Liegt bestimmt nicht daran das nun (grooße) Teile des Tanelorn auf Schmusekurs gegangen sind...

Anonym hat gesagt…

Hast den Punkt getroffen

ghoul hat gesagt…

Meine volle Zustimmung, Tagschatten.

Mondbuchstaben hat gesagt…

Wir kaufen die Produkte, wir jubeln sie uns schön, und wer mit klarer Kante zerreißt, was zu zerreißen ist, der ist ein Nestbeschmutzer und bekommt unseren Zorn zu spüren (Anmerkung: Gilt natürlich nicht für Produkte von Nackter Stahl.)

Wenn die Kritik doch wenigstens Produkte betreffen würde, statt deren bloße Ankündigung, wäre der Aufschrei gewiss nicht so groß gewesen.

Aber in den Tagen von Web 2.0 ist es ja schick, ein Projekt (von wem auch immer) schon lange vor Erscheinen zu sezieren und kaputtzureden.

Ob die nWoD oder D&D4 die Kritik wirklich verdient haben, weiß ich bis heute nicht, weil weder das eine noch das andere Spiel eine faire Chance bekommen haben, sich am Markt und an den Spieltischen zu behaupten.
Bei D&D5 geht es ja ähnlich zu und auch DSA5 wird es in diesem Klima richtig schwer haben.

fatfreddy hat gesagt…

Interessanter Einwurf von Mondbuchstaben. Aber wenn das Web 2.0 ein solches Problem für die Verlage darstellt (und sogar D&D 4 killen kann!), wieso entziehen sie dann dem Hype nicht die Grundlage? Wenn sie keine Spekulationen über ihr System wollen, kein Sezieren und keine Mutmaßungen, dann könnten sie doch einfach dichthalten. Wenn man aber den positiven Anteil mitnehmen möchte (und seine Konsequenzen wie hohe Vorbestellungszahlen, Kundenbindung, Werbung, Verbreitung durch Multiplikatoren wie Blogs und Vlogs), muss man eben auch mit den Folgen rechnen, wenn's in die Hose geht. Entweder weil das Konzept doch nicht so nah am Kunden war, wie man sich's dachte. Oder weil das Artwork nicht ankam. Oder weil man eben schlechte Interviews gegeben hat. Kurzum: Wenn ein Verlag sich auf das Spiel einlässt, es sogar selbst eröffnet, dann darf er von seiner Zielgruppe auch ernst genommen werden. Und das kann eben auch weh tun.

TheShadow hat gesagt…

Eben. Aber zur Ehrenrettung von Uhrwerk: Sie hams gemerkt und mühen sich offenkundig, diese Scharte auszuwetzen. Gut so, aller Ehren wert.

Dem Projekt selbst alles Gute, auch wenn ich zum bisher Gesagten eher skeptisch stehe, bzw. einfach den Markt nicht sehe. EDO-Standard macht mir Spaß, aber dazu brauche ich weder eine neue Welt noch ein neues System. Ich denke, da bin ich nicht der Einzige.

TheShadow hat gesagt…

...und bevor das wieder falsch ankommt: Reingucken werd ich natürlich, sobald es was Handfestes gibt. Ich unterstütze gerne auch deutsche Produkte, wenn sie es denn wert sind.

Sägemehl hat gesagt…

Wir kaufen die Produkte, wir jubeln sie uns schön, und wer mit klarer Kante zerreißt, was zu zerreißen ist, der ist ein Nestbeschmutzer und bekommt unseren Zorn zu spüren (Anmerkung: Gilt natürlich nicht für Produkte von Nackter Stahl.)

Guter Beitrag, dem stimme ich zu! Aber warum gilt das nicht für Produkte von Nackter Stahl?

TheShadow hat gesagt…

:) Die haben es sich vor einigen Jahren mit einem A*lochmove in weiten Teilen der webaffinen deutschen Szene versaut.

http://tanelorn.net/index.php/topic,43428.0.html

Mondbuchstaben hat gesagt…

Fatfreddy: Aber wenn das Web 2.0 ein solches Problem für die Verlage darstellt (und sogar D&D 4 killen kann!), wieso entziehen sie dann dem Hype nicht die Grundlage?

Das ist auch ein Problem der neuen Zeit. Die Macht des Web 2.0 ist noch lange nicht in den "Chefetagen" der (selbst allerkleinsten und flexibelsten Einpersonen-)Unternehmen angekommen.

Da ist noch viel Umdenken angesagt, allerdings auf allen Seiten. Ja, Medienunternehmen müssen lernen, dass ihre Fans vernetzt sind und eine einzelne Kritik nicht wie früher nur die eine kritische Stimme bleibt. Dafür braucht man noch nicht eimal eine Fan-Community, das zeigen schon Amazon-Rezensionen.
Aber auch die Nutzer von Medienangeboten müssen sich fragen, ob jeder vorschnelle Kommentar zu einem noch gar nicht verfügbaren Produkt wirklich nötig ist.
Wohlgemerkt: Es geht nicht um Selbstzensur oder die Schere im Kopf oder Verlags-Hörigkeit. Nur um die Frage, ob der Kommentar wirklich der ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Produkt gilt oder ob er nicht vielmehr dem Selbstzweck des Gehörtwerdens dient.

Kunden haben mehr Macht als früher, aber wie hat der große Stan Lee* schon gesagt: "With great power comes great responsibility!"

Um meine nWoD und D&D4-Frage selbst zu beantworten: Mein Bauchgefühl sagt mir, dass bei D&D4 eine Menge Kritik berechtigt war, während die nWoD zu Unrecht kaputtgeredet wurde.

Oder weil man eben schlechte Interviews gegeben hat.

Ich glaube, wenn man heute kein medienerfahrener Entertainer wie Ryan Dancey ist, kann man nur verlieren.
Ist man sich seiner darstellerischen Defizite bewusst und gibt lieber keine Interviews, wird man angefeindet, weil man mauert oder sich im Elfenbeinturm einsperrt, ist man offen und stellt sich den Fragen der Fans, wird man für ungeschliffene oder unbeholfene Antworten gescholten.
"Die if you do, die if you don't..."

* ach nein, das war ja Voltaire...

TheShadow hat gesagt…

Aber auch die Nutzer von Medienangeboten müssen sich fragen, ob jeder vorschnelle Kommentar zu einem noch gar nicht verfügbaren Produkt wirklich nötig ist.

Der einzige Zweck eines solchen Interviews ist es, durch derartige Kommentierung Verbreitung zu finden. Damit das nicht nach hinten losgeht, darf ich halt kein veritables Zugunglück inszenieren, wie es hier geschehen ist.

Slave_0ne hat gesagt…

@Sägemehl:
Ich glaube der Punkt mit Nackter Stahl war eher ironisch gemeint.

Außer dem Shitstorm im Tanelorn (siehe Link von TheShadow) gab es noch eine "andere" Geschichte, in dieser sich Nackter Stahl >suboptimal< präsentiert hat.
Siehe hier:
http://www.youtube.com/watch?v=aTPO9MPK7uQ


Sägemehl hat gesagt…

@ The Shadow und Slave_0ne

Krass, danke für die Infos! Wie ist das ausgegangen?

Ich denke mal Prometheus Games hat bestimmt gewonnen, da Prometheus Games etabliert und bekannt ist. Von Nackter Stahl gabs zwar dieses Buch neu aber sonst habe ich nichts mehr gesehen. Die müssen an den Gerichtskosten gescheitert sein.
Aber die ganze Sache ist ekelhaft. Nackter Stahl mit ihrer beknackten Klage. Prometheus Games, die haben irgendwas heftiges gemacht, ich glaub nicht das Nackter Stahl ganz ohne Grund zum Gericht gegangen ist und die Rollenspieler die im Tanelorn der einen oder anderen Seite den Tod wünschen. Diese Begeisterung zur Zerstörung ist auch ekelhaft, aber Web 2.0.

Das Interview ist noch schlimmer als das von Splittermond. Sollen die Verlage doch Werbefachleute einstellen.

Roland Bahr hat gesagt…

Würden sie sicher gern. Aber die meisten haben ja nicht mal Geld für Werbung. :-(

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