Mittwoch, 29. Mai 2013

Things you shouldn't do

Heute: Historische Themen in einem Internetforum diskutieren. Da Lernwilligkeit bei einer Mehrheit von Forennutzern als Handicap gilt, kann sowas eigentlich keine Früchte tragen* (tut es aber dann erstaunlich oft doch).

Der Threadstarter besitzt, und gibt das auch zu, allenfalls Halbwissen zu einem Thema und ist nun in irgendeiner Publikation - vorzugsweise einer halbgaren Website - auf etwas gestoßen, was sogar das Wenige, das zu wissen er glaubt, entwertet. Nehmen wir als vollkommen harmloses Beispiel "Verlauf einer mittelalterlichen Schlacht." Der OP schildert sein Problem und bittet um Klarstellung, meist mit einer harmlosen Frage wie "Können die Kundigen hier im Forum mir weiterhelfen?"

Hilarity ensues**.

Es beginnt harmlos. Die ersten, die reagieren, sind andere Halbwissende ("Ich dachte immer..."), die mehr oder minder von sich überzeugt sind. Dann kommen die Hobbyisten, im Falle eines MA-Themas natürlich LARPER, die Gummischwerter und Labberplatten auf zumeist eher untertrainierten Körpern als taugliche Analogie zu Hardcore-Berufskriegern heranziehen. Man weist sie auf die Kühnheit ihres Unterfangens hin.

Schließlich kommt der Pro, meistens ist es tatsächlich einer, er nimmt sich freundlich Zeit und beleuchtet den diskutierten Aspekt und löst die Verwirrung des OPs auf. Unter diesen Beitrag könnte man dann Danke posten und dichtmachen. Leider...

...leider schlägt jetzt die Stunde des Wikipedianers. Er postet ab hier Wikipedia-links, aber er benutzt sie nicht, um Argumente zu unterfüttern, er benutzt sie anstelle von Argumenten. Er rahmt die Links ein in kurze Textfetzen, die alle im Endeffekt auch "RTFM Du n00b" lauten könnten. Zumeist verbeißt er sich in ein Detail des Pro-Posts, das er für angreifbar hält. Oft hatte er vor Betreten der Diskussion keine Ahnung vom Thema, aber sowas kann man sich auf Wiki ja schnell anlesen...

Im Laufe der nächsten drei bis vier Seiten des Threads wird ihm energisch Widerstand geleistet. Er wird zurecht daraufhin verwiesen, daß Wiki-Links nun nicht so dölle seien, weswegen er seine Taktik ändert. Er postet keine Wiki-Links mehr, sondern paraphrasiert die Quellen der Wiki-Artikel, in der Hoffnung, das falle nicht auf.

Der Strang pulst und ist auf Seite fünf. Er stinkt genug, um die nächste Spezies anzuziehen: Er heißt "gesunder Menschenverstand". Er habe zwar keine Ahnung, so mischt sich dieser dazwischen, aber er könne sich nicht vorstellen, daß... Repariert und ergänzt man sein mangelndes Vorstellungsvermögen, quittiert er das mit sarkastischer Zustimmung.

Jetzt kommen die "Praktiker" des Themas, bei "mittelalterliches Schlachten" also die Reenacter, und schubsen die LARPER nochmal beiseite, obwohl die bereits seit vier Seiten draußen sind. Macht nix. Beim Eintreten in einen Strang muß Tim Taylor jemanden verhöhnen. ARMA-Texte werden dann gerne verlinkt, ebenso historische Schlachtenbeschreibungen. Ganz schnell ist man bei Agincourt und Crécy, haut sich die widersprechenden Quellen um die Ohren und wundert sich, daß sie sich widersprechen.

Königgrätz wirft dann sicher auch noch einer in die Runde, um Ulanen, Dragoner und Husaren (Wer paßt nicht in die Reihe? Na?) in irgendeine Verbindung zum mittelalterlichen Ritter zu bringen. Oder Jena und Auerstedt. Eine spannende Seitendiskussion entwickelt sich: War Blücher genial oder litt er an Hirnerweichung? Rom, ja, Rom muß auch noch: Legionen sind immer gut.

Der OP wurde schon lang nicht mehr gesehen. Mit etwas Glück bewahrt der Pro Haltung und deutet da und dort gewisse... Probleme in der Argumentation an, ohne seinen Partnern Dinge an den Kopf zu werfen. Man ist auf Seite neun und diskutiert ganz nebenbei auch die Meriten von Kenneth Brannaghs "Henry", die Reisebeschreibungen Fontanes und die Tomahawk-Techniken von Winnetou.

Der letzte Eintrag ist für gewöhnlich ein verzweifelter Ruf eines Posters, der das eigentliche Thema weiter besprechen möchte. Man hört die Slide-Guitar über hitzeflirrender Einsamkeit Akkorde schlagen. Ein Busch weht vorbei.

Hat diese zehnseitige Schlacht was gebracht? Ja. Zu finden in der Regel im achten Beitrag auf der ersten Seite. Ach ja, und allen Beteiligten auf ihre Weise ein perverses Vergnügen. Wir wollen nicht ohne sein.

_________________________

* Der Verfasser bekennt sich schuldig, in der Vergangenheit schon alle nachfolgend beschriebenen Rollen innerhalb einer Online-Diskussion ausgefüllt zu haben, außer der des Wikipedianers. Etwas Stolz habe auch ich.

** Hilarity Ensues - Alleged consequence of any event in a Sitcom or cartoon which in the real world would result in hospitalization, a lawsuit, or dismissal from one's job, at the very least, up to and including possible imprisonment or death. Thankfully for our fictional friends, both the Rule Of Cool and the Rule of Funny keep them safe (the latter more prominently).

1 Kommentar:

Jan hat gesagt…

Na, dann bin ich ja beruhigt, dass sich, seitdem ich Foren mehr oder minder meide, nichts geändert hat. Außer dass man mittlerweile Wikipedia-Links noch dazu posten kann. Das war damals nicht so (dürfte klar machen, wie lange das schon her ist). Aber warum regst Du Dich darüber auf? Warum scheisst Du nicht auf solche Diskussionen? Warum nennst Du den Pro einen Pro, wenn er da fleißig mitmischt? Alle vernünftigen Leute würden nach den anscheinend klärenden Post 8 die Diskussion verlassen. Benachrichtigungen über neue Posts kann man ja im Regelfall abstellen. Das wäre der erste und einzig richtige Schritt zur Lösung des Problems, denn es ist ja schon fast älter als alle Anwesenden zusammen.

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