Sonntag, 24. Juni 2012

Narrative statt Nachrichten

Im Falle Syrien erleben wir seit über einem Jahr ein einseitiges Meinungsbild, das die syrische Diktatur als alleinigen Urheber alles Schlechten in Syrien darstellt. Belege sind ausschließlich "Internetvideos", "gut unterrichtete Kreise" und nicht überprüfbare Aussagen der Rebellen.

Nicht, daß ich dem Assad-Regime (und etlichen anderen) und den assoziierten Folterschergen nicht den ganzen Dreck zutrauen würde, aber wissen, wissen tu ich nix. Die Kollegen in den Redaktionsstuben von Tagesschau & Co wissen ebenfalls nix, was sie und die Reporter vor Ort nicht daran hindert, ein parteiisches Bild zu zeichnen.

Im Propgandasprech nennt man solche "Nachrichten" korrekt eine "Narrative", eine Erzählung. Das bedeutet, daß alle lancierten "News" tatsächlich der Erzähl- bzw. Wirkungsintention jener folgen, die die Nachrichten lancieren. Hier wird systematisch die Propaganda für die militärische Intervention gefahren. Wir kennen das aus dem Kosovo-Krieg, der thematisch sehr ähnlich angelegt war, aus dem ersten (Brutkastenlüge) und zweiten Irakkrieg ("Weapons of Mass Destruction") etc. pp. Wie Geheimdienst und Militärs solche Operationen planen, ist der Operation Northwood zu entnehmen.

Seit Beginn der Syrienkrise gab es Augenzeugenberichte, zunehmend in unabhängigen Medien teils (weit) abseits des Mainstreams, die andere Sichtweisen verbreiten. Bei aller hier gebotenen Vorsicht wurden schon früh Fragen nach der Verwicklung der amerikanischen Regierung (der ein Sprengen der Achse Syrien-Iran gelegen käme) und der türkischen Regierung, die ein doppelbödiges (und mit dem NATO-Jet jetzt auch ein sehr gefährliches Spiel) um Macht und Einfluß in der Region spielt, gestellt.

Gerade zu den Schlüsselthemen "Massakker in Homs und Hula" ist die Lage alles andere als "Rebellen vs. Regierung" und "Regierung ist böse". Bereits vor einigen Wochen hat der französische Bischof Philip Tournyol Clos nach seiner Rückkehr aus Syrien ein differenzierteres Bild gezeichnet, die Taktiken der "Rebellen" (die keineswegs eine einheitlich Gruppe sind) und die Bedeutung der Religion (ja, auch mal wieder) thematisiert. Aber er auch war nur ein Rufer in der Wüste.

Spät, zu spät, kommt jetzt auch der journalistische Mainstream seiner Aufgabe nach, differenziert zu berichten. Zumindest ein Teil davon.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Wobei natürlich die Tatsache, Assad (und jedem anderen unserer 7 Milliarden Welten-Mitbürger) den ganzen Dreck zuzutrauen, genauso Kaffesatzleserei und an den Haaren herbeigezogen ist. Vielleicht, klar. Vielleicht aber auch nicht, wie du ja so schön zutreffend selbst an den Medien kritisierst. Oder hast du für dieses Bauchgefühl den geringsten Anhaltspunkt? Abgesehen davon, dass Obrigkeit per se verdächtig ist? Was, wenn er nun ein ganz Lieber ist, dem keine andere Wahl bleibt, als sich gegen den Gehörnten zu verteidigen (was genauso daher geredet ist natürlich, um Missverständnisse zu vermeiden). Alles in allem finde ich - und das ist auch das Einzige, was wir beurteilen können - dass er ausgesprochen einfach, überzeugend und schlüssig argumentiert in seinen Reden. Das macht ihn zwar nicht automatisch zum Lamm, lässt mich aber zu der Überzeugung kommen, dass er sich nicht so blödsinnig verhalten würde, wie man es ihm jetzt vorwirft.

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