Freitag, 1. August 2014

Meine Begegnung mit... Splittermond

Am I Blue?
Derzeit kann man für kleines oder gar kein Geld hochgezüchtete Schwergewichte an Regelwerken erstehen. Findet zwar nicht jeder toll, aber auch Splittermond ist kostenlos zu haben. Also gezogen, den ausfüllbaren Charakterbogen gleich dazu, und mal schauen, wie lange ich brauche um einen tischfertigen Charakter zu erstellen. Schlimmer als die vier Stunden bei Shadowrun wird es ja hoffentlich nicht werden. Ich will vor fünf ins Bett.

Entgegen der Annahme riecht das Grundregelwerk nicht nach Nivea oder Penatencreme. Auch das Coverbild von Florian Stilz im Wayne-Reynolds-Modus war nur für kurze Zeit das generischste aller Zeiten, dann haben die Homeriker ihr Coverbild für DSA 5 vorgestellt (Wau. Was ist da wohl die Tagline? "Der Langeweile verpflichtet?"). 350 Seiten ist der Wälzer schwer, was sich mittlerweile wohl nur noch als mittlerer Umfang bezeichnen läßt.

Na denn: Vorwort, jaja, dann als eigentliche Einleitung den Lorakis-Teaser, der auch schon im ersten Schnellstarter war. Das ist, mMn, der beste Text zu Lorakis im gesamten Settingmaterial. Weder Stimmung noch Sense of Wonder dieser paar Absätze werden vom Setting geliefert. Dann folgen Anmerkungen zum Wesen des Rollenspieles, die überblättere ich, wobei ich das Spielbeispiel ungewöhnlich gellungen finde: Es stellt Handlungen am Spieltisch den Ereignissen in der virtuellen Welt gegenüber. Schön. Erstes kleines Pluspünktchen. Ist vermerkt.

Es folgen die Grundregeln und die Erläuterungen zum Charakter. Acht Attribute und acht abgeleitete Werte, das Wundsystem, das Fokussystem, Widerstandswerte... Lustigerweise findet sich da viel aus meiner eigenen Création, wenn auch weniger simpel, so daß ich das einfach so beim Runterlesen verstehe. Was Regeln angeht ticke ich sehr ähnlich wie die Mondkälber. Jetzt folgen Erläuterungen zur Probe. Hier fällt auf, daß auch Splittermond unterschiedliche Arten kennt Proben anzugehen: Standard, Risiko und auf Nummer Sicher. Ist seit zwei, drei Jahren ziemlich en vogue.

Charaktererschaffung mit Dummy


Auf S. 22 ist es dann so weit. Blick auf die Uhr. Bisher 15 Minuten und ich bin über Werte und Verfahren grundlegend orientiert. Das ist ordentlich. Ach ja, keine Kurzgeschichten. Vielen, vielen Dank. Ich linse mal kurz durch das Erschaffungskapitel - 10 Schritte dazu eine Übersicht. Überschaubar. Das System läßt mir die Wahl zwischen Paketkauf-System und freiflottierender Verteilung mit Generierungspunkten. Mmmh. Ich nehm wohl Pakete, in der Hoffnung, daß die Designer ihr System besser kennen als ich.

Also denn. Bogen bereit, fangen wir an.

Schritt 1: Idee. Auch bekannt als Konzept. Hhhmmmh. Ich geh mal über Bord und notiere mir "Magier auf der Flucht". Keine Ahnung wovor. Als Erst-SC würde ich normalerweise keinen Magier erstellen, das bedeutet i.d.R. ein (umfangreiches) Subsystem mehr zu lernen, aber der Text ist mir bisher so sympathisch, daß ich das Risiko eingehen will.

Schritt 2: Rasse. Klassisches EDO wird bei Splittermond um ein "P" für Plüschi erweitert. Hier mal hunde- statt katzenhaft in Gestalt von Vargen. Meh.

Alben haben spitze Ohren, Gnome haben Hörner (und entsprechen den Halblingen aus Birthright) ach nö. Die Menschenillu spricht mich gar nicht an - dezent bierbebauchter Redneck starrt grimmig auf dunkle Dame, das impliziert mir zuviel. Bei den Vargen sind Männer dem Bild nach wölfisch und Frauen (oder heißt es da "Weibchen") füchsisch, wobei das wohl regional variiert. Zwerge kommen in drei Geschmacksrichtungen - klassisch, friedliebend oder xenophob. Mmmh. Sehen gallisch aus die Brüder und Schwestern.

Vulkanzwerg-Magier wird es. Weißes Haar, silberne Augen, 142 cm, 80 kg (alles Muskeln...). Ich notiere die Stärken auf dem SC-Bogen (Giftresistenz, robust, Orientierungssinn) und vermerke die Attributsmodifikatoren für später.

Schritt 3: Kultur. Jaaaaaaa. Da stößt mir natürlich sofort ein Vergleich auf, den die Redax-II nicht gerne hört. Nun gut. Mein Vulkanzwerg ist natürlich der Furgandkultur zugehörig. Ich entscheide mich dabei für Feuermagie und trage die Werte der Kultur auf dem Charakterbogen ein. Ich habe eine Meisterschaft in "Entschlossenheit". Juhu. Keine Ahnung was das sein soll. Egal. Bei der Fertigkeitenliste fällt mir auf, daß vieles da eigentlich nicht hingehört wie "Wahrnehmung" oder "Zähigkeit". Aber das Faß mach ich hier mal nicht auf.



Schritt 4: Abstammung. Örch. Okay. Ich studier das Ganze und komme zu "Landadel"? Muß ich noch an die Kultur der Furgand anpassen, aber mir wird klar, wovor der Gute "auf der Flucht" ist; Vatermörder ist er, im Zorne erschlagen, denn er sollte zu einer politischen Ehe gewzungen werden, wo er doch in Wahrheit nur eine Liebe hat: Magie. Jo. Grimmiges Geheimnis, bei den Zwergen darf er sich nicht sehen lassen. Also Abenteurer.

Die Abstammung bestimmt Ressourcen (Dinge wie Geld, Connections) und gibt weitere Fertigkeiten. Ich entscheide mich für Relikt statt Ansehen (das ist hin) und für Vermögen. "Stand" ist 2, aber ich denke, das muß ggf. nachgebessert werden. Einen Namen habe ich auch: Barak Feuerstirn. (Ausnahmsweise trumpft hier mal bei mir Story über Regeleffizienz: Zauberer wäre als Abstammung zwar nützlicher, aber jetzt habe ich wenigstens den Konflikt des Charakters).

Schritt 5: Ausbildung.
Okay. Das ist einfach: Elementarist natürlich, Magister in Feuerzauberei oder so. Aus meiner Ausbildung kommt dann nochmal ein ordentlicher Schwung an Fertigkeiten, was ja klar ist. Schwerpunkt sind natürlich zwergenkompatibel Feuer und Fels. Dann stehe ich vor einem Problem: "Zwei beliebige Schwelle 1-Meisterschaften aus den folgenden Magieschulen: Felsmagie, Feuermagie, Wassermagie, Windmagie" darf ich mir aussuchen. Keine Ahnung. Ist das gut? Ich nehme erneut Feuer und Fels, aber das ergibt zunächst noch keinen Sinn.

Schritt 6: Attribute. Endlich. Wirklich endlich. Ich lege mal mit Bauchgefühl den Schwerpunkt auf Mystik und Intuition, verteile den Rest der 18 Punkte nach Gusto und nehme auch die Zwergenmodifikationen vor. Warum ich aber erst jetzt die Grundlage meines Charakters beschreiben darf, verstehe ich nicht.

Schritt 7: Dies und Das. Hier wird geschummelt, denn es sind drei Schritte in einem: Stärken, Ressourcen und freie Fertigkeitspunkte. Zunächst pimpe ich ihm noch den Fokuspool (aka Machtpunkte für Zauber) und nehme natürlich "Literat", um lesen und schreiben zu können. Wichtig.

So, die Ressourcen, naja, das sind Dinge wie Stand, Ansehen, Vermögen. Das zieht sich über mehrere Seiten, gibt sich das Gewand von Regeln, ist aber stellenweise wachsweiches Rumeiern. Ich setze meinen "Stand" als Landadliger von 2 auf 0 (bin ja verstoßen), gewinne dadurch 2 Punkte, so daß ich insgesamt 4 verteilen kann. Ich setze 2 Kontakte, erhöhe Vermögen auf 3. Offenkundig ist Barak ein ziemlich schattiger Charakter, der nicht nur seinen Vater erschlagen hat, sondern bei der Flucht auch den Familienschmuck mitgehen ließ. Böser Barak. Außerdem hat er "Relikt 3", was sich bestimmt gut verwenden läßt, wenn ich meinen SC ausrüste. Wahrscheinlich war bei den Familienjuwelen ein magischer Schatz. Noch ein bißchen kann ich mit 5 Punkten die Fertigkeiten aufpolieren.

Schritt 8: Ich wähle ein Mondzeichen - das hängt mit dem titelgebenden Splittermond zusammen und gibt dem SC Gummipunkte und etwas Extra-Wumms - und (optional) Schwächen. Als Zeichen nehme ich für Barak den Spieler. Außerdem gebe ich ihm tatsächlich Nachteile - streitlustig und nachtragend ist Barak nämlich sowieso, dann kann er auch die mechanischen Vorteile dafür abgreifen (i.e. Gummipunkte zurückgewinnen).

Schritt 9: Startwerte Jetzt bekomme ich nochmals Punkte, die ich nach einem Tabellenschlüssel auf Eigenschaften und Attribute verteilen kann. Oi. Mal sehen, wenigstens sitzt die Tabelle dafür direkt auf der Seite.

Schritt 10: Feinschliff. Abgeleitete Werte - Check, Zauber holen - Check, Reliktpunkte einsetzen - Check (wobei ich noch 1 Punkt von Vermögen abziehe, um Relikt auf 4 zu setzen). Dann mal nach den Waffen gucken. Okay da haben wir das Kriegsbeil, klassisch, und wir sind gearscht.


Für Waffen benötigt man Mindestattributswerte. Es stand zwar bei den Attributsbeschreibungen dabei, sie seien wichtig, aber nicht, daß sie sooo wichtig sind. Da hätt ich mal vorher schauen müssen, denn die Mali bei Nichtbeachtung sind feist. Also zurück an die Attribute, umschichten und abgeleitete Werte neu berechnen. Seufz.

Zauber ausgesucht. Nuja, die Auswahl ist begrenzt und wenig berauschend. Ich finde spruchbasierte Magie mittlerweile ziemlich... begrenzt. 

Ausrüstung find ich bei Fantasy jetzt vernachlässigbar, die guten Sachen findet man eh im Spiel. Ein Beil, ein Hut und dann ists gut. Naja, noch zwei Kleinigkeiten ("Handwerkszeug") und das wars. Die Belastungsregel sind optional, also ignoriere ich sie mal. Dann nochmal kurz das Konzept der Meisterschaften überflogen, verstanden und entsprechend ergänzt.

Blick auf die Uhr: 85 Minuten.

Fazit

Ja. Was soll ich sagen? Während Shadowrun schon bei der Erschaffung in mir Fundamentalkritik, aber auch Sehnsucht auslöste, läßt mich das hier sowas von kalt. Ein paar der Ausbildungen sind nett beschrieben, das wars. Viele Mechas ähneln denen meines Haussystems frappant, anderes ist zwar neu und durchaus reizvoll (die Meisterschaften z.B.), aber dann doch eher kompliziert umgesetzt. z.B. durch die Deckelung via Heldengrade. Außerdem wirkt auf mich mein SC ziemlich luschig, was aber sicherlich an mir liegt.

Die Erschaffung war halbwegs übersichtlich und mit 85 Minuten für ein feinkörniges System auch angemessen. Die Texte sind verständlich, das Blau ist abstoßend, ich mag es gesiezt zu werden, aber irgendwie springt der Funke da gar nicht über. Splittermond ist - ich möchte das betonen - als Regelwerk kein schlechtes Produkt, aber es ist ganz entschieden nicht mein Produkt. Mechanisch ist das sauber und funktional.

Wie schon beim Settingband, der sich so entschlossen mittelmäßig zeigt, fehlt mir da etwas, was ich schlecht definieren kann. Ich glaube, es ist fundamentale Enttäuschung. Der erste Text, den ich zu Splittermond gelesen habe, war dieser:
Als einer der drei Monde barst, blickten die Menschen, Alben, Zwerge, Gnome und Varge furchtsam in den Himmel, um das unheimliche Schauspiel zu beobachten. Niemand ahnte zu dieser Zeit, dass mit dem Bersten des Mondes eine neue Zeit anbrechen würde, eine Zeit, die die Ketten der Drachlingsherrschaft sprengen und eine neue Ära beginnen sollte.
Hoch oben über der Welt spielte sich ein Ereignis ab, das gleichsam von kosmischer Schönheit wie von fürchterlichem Schrecken war: Die Flanke des Blauen Mondes, wie er damals noch genannt wurde, brach auf und schleuderte einen gewaltigen Steinschauer in die Finsternis.
Für die in den Himmel blickenden Völker war es ein ehrfurchtgebietender Anblick: Funkensprühend stürzten die brennenden Bruchstücke in die Tiefe. Einige zerbarsten zu kleineren Trümmern und verglühten während des Flugs, andere stürzten weit entfernt von jeder Küste in die See. Viele aber hinterließen bei ihrem Sturz verbrannte Erde, zertrümmerte Berghänge und tiefe Klüfte. Sie trafen auf eine Welt, die nie wieder so sein sollte wie vor der Zersplitterung des Mondes: Lorakis.
Das, Herrschaften, ist groß. Das Spiel will ich haben. Splittermond hingegen ist umfänglich, Lorakis ist ausgedehnt, aber nichts, gar nichts, überhaupt nichts davon ist groß. Es ist alles so... bieder.

(Bullshit-Index 1,5)

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