Donnerstag, 12. Juni 2014

Rollenspiel für Einsteiger: Der Charakter

Die Spieler eines Rollenspieles nutzen ihre Charaktere (auch: "Spielercharaktere" oder kurz SC) dazu, innerhalb der Spielwelt Dinge zu vollbringen. Der Charakter präsentiert Deine Schnittstelle zum fiktiven Geschehen des Spiels. Da Spieler den wichtigsten Teil des Rollenspiels darstellen, und Spieler wiederum fast nur über diese Schnittstelle daran teilnehmen, ist der Charakter der wichtigste mechanische Aspekt des Spiels.

Sollte man sich also mal genauer ansehen, so einen Charakter.

Ja, genau! Was ist ein Charakter?

(Hinweis: Der nachfolgende Text bezieht sich eindeutig auf altmodisches, herausforderungsorientiertes Rollenspiel. Forge-Fluffies und andere Indiegene können ein bißchen in den Rezepten stöbern, wenn ihnen das nicht zusagt, sind aber herzlich willkommen weiterzulesen.) 



Der Charakter ist nicht Du, Du bist nicht der Charakter. Er kann Dir ähnlich sein, er kann vollkommen anders sein. Aber selbst wenn er Dir aufs Haar innerlich und äußerlich gleicht: Du bist nicht Dein Charakter. Er existiert in der Fiktion, und Du führst ihn.

Dein Charakter ist eine literarische Figur, denn er ist ein Handelnder in der Geschichte (dem „Text“), die Du und Deine Mitspieler im Laufe des Spieles entwickeln. Er ist eine Figur wie Aragorn, Jack Sparrow, Fox Moulder oder Ripley.

Er wird von Dir mit den Regeln des Spiels beschrieben. Was er ist, zeigen seine Eigenschaften (stark und gewandt, gewandt und dumm oder schlau und willensstark z.B.), was er kann, zeigen seine Fertigkeiten (Dinge wie Reiten, Hufschmied, Schwertkampf). Besonder­heiten werden abgebildet über seine Vorteile und Nachteile (das sind Dinge wie schwerhörig, arrogant, tollpatschig, adleräugig, überzeugend).

Und was muß er leisten?

Die eigentliche Leistung erbringt der Charakter nicht im Spiel, sondern indirekt über Handlungen im Spiel am Tisch selbst, also in der Realität der Spielgruppe, nicht ihrer Fiktion. Er muß nämlich Spaß bringen, wobei mit „Spaß“ hier nicht "humorvoll" gemeint ist, sondern vergnüglich, unterhaltsam und mitreißend.

Um das zu erreichen, muß er vier Ansprüchen genügen.

#1 Er muß Dir „Spaß“ machen. Ein No-Brainer, mag sein, aber es muß erwähnt werden. Ein Charakter, der dem ihn führenden Spieler kein Vergnügen bereitet, ist ein Blindgänger. Wenn Du Dein Konzept erstellst (dazu kommen wir noch) achte darauf, daß die Figur, die Du erschaffen willst, Dir Spaß machen wird. Sie soll Ziele verfolgen, die Du spannend findest, und einen Charakter und Fertigkeiten haben, die Dir reizvoll erscheinen. Du gehörst zu Deinem SC, in guten wie in bösen Tagen.

#2 Er muß zum „Text“ passen. Jedes Spiel hat eine Zielabsicht. Selbst wenn der SL (so gut wie) nix vorbereitet und alles auf „schau mer mal“ hinausläuft, so sind doch zumindest Genre und Stimmung in der Gestaltungs­absicht der Gruppe festgelegt. Oft ist noch weitaus mehr bestimmt, und der SL z.B. weiß, daß er eine dunkle Komödie inszenieren will, oder die ganze Gruppe giert nach epischer Tragik. Nicht jede Figur entspricht jedem Anspruch.

Eine Heldenkampagne um das Vernichten von Schmuckstücken in geothermischen Auffälligkeiten erfordert andere Charaktere als eine mörderische Schniedelsoap. Schreit das erste nach dem Überrecken (vielleicht mit tragischer Dunkelheit, die ihn stürzen läßt), ist man im zweiten mit intriganten Schurken, skrupellosen Killern oder zum Scheitern verdammten Moralisten besser beraten.

#3 Er muß der Gruppe „Spaß“ machen. Ja, genau, richtig gelesen. Dein Charakter gehört nicht Dir allein, er gehört zu einem kleineren Teil auch Deinen Mitspielern. Du spielst vor Publikum, während Du mit dem Publikum spielst. Immer wenn Dein Charakter im Scheinwerferlicht steht, schauen wir anderen Dir zu. Das ist wie Kino, wir wollen uns nicht langweilen. Wir wollen Charaktere, die uns "zu Herzen gehen", oder die wir lieben können oder zumindest lieben zu hassen. Wir wollen, daß uns die Triumphe, aber auch die blutigen Niederlagen Deines Charakters mitreißen (oder zumindest nicht ganz kalt lassen).

#4 Er muß seine Pflicht erfüllen können. Im herausforderungsorientierten Rollenspiel bilden die SC ein Team, Stichwort „Dungeon SWAT“. Dieses Team tritt mörderischen Feinden entgegen, erkundet tödliche Verließe und rettet ganze Landstriche. Dein Charakter ist ein Teil dieses Teams, ein Viertel oder Fünftel davon. Wenn er seine Aufgaben nicht kompetent wahrnehmen kann, dann schwächt er das Team um 25% oder so. Die Drachen werden davon allerdings nicht kleiner.

Oh Mann. Wie krieg ich das alles hin?

Am besten arbeitet die Spielgruppe ihre SC zusammen aus, zumindest teilweise. Das erleichtert Abstimmung und Teambildung ungemein. Such Dir zunächst ein kurzes Konzept, das Du spannend findest, einen Ist-Zustand des Charakters beschreibst und vielleicht sogar ein Ziel angibt, das ihn antreibt.

Was du dabei vermeiden solltest sind Schneeflocken, also kapriziöse Charaktere, die nur auf ihr eigenes Ding bedacht sind, und die die anderen Spieler oder Charaktere endlos ärgern, annerven, Zeit vergeuden oder die Charaktere gar in Gefahr bringen. Unerfahrene Spieler z.B. wollen vielleicht einen kleptomanen Narren („Kender“) spielen, weil sie denken, das sei witzig.

Ist es aber nicht. Wirklich nicht. Das Anliegen, das Spiel auf diese Weise bereichern zu wollen,  ist ehrenwert, aber meist fehlgeleitet. (Bauen erfahrene Spieler sowas, sind zumeist sie selbst die Schneeflocken, ihre SC spiegeln das dann nur wieder.)

Jede konzeptionelle "Bereicherung", die anderen Knüppel zwischen die Beine wirft, dazu geeignet ist, sich permanent ins Rampenlicht zu stellen oder Deine Mitspieler einfach nur annervt, ist abzulehnen. Konzepte sollten darauf ausgelegt sein, mit Deinen Spielern zu spielen, nicht gegen sie. Sie bieten die Basis, die vier oben formulierten Ansprüche zu erfüllen. Beispiele:
  • CIA-Agent, Alkoholiker seit dem unaufgeklärten Massakker an seiner Familie. Interessiert sich (heimlich, aber sehr) für Regierungsverschwörungen.
  • Verschrobener Pirat mit Restbeständen an Anständigkeit und der großen Sehnsucht danach, Rache an seiner ehemaligen Mannschaft zu nehmen. Arrr.
  • Dominikaner-Pater, Ex-Landsknecht und sMn bester Rapierfechter des Kontinents. Bereist das Europa der Musketiere, stets bereit, Gottes Wort zu verbreiten wo es notwendig ist, und seine Klinge gegen andere Meister blitzen zu lassen (ohne tödlichen Ausgang natürlich).
  • Runtergekommener Waldläufer-Badass, der nicht weiß, ob er nach der Krone streben soll, die ihm zusteht.
Mit diesem Konzept zwischen den Zähnen gehst Du nun an die Charaktererschaffung. Der Charakter – die literarische Figur – wird beschrieben durch die Regeln. Im Erschaffungsprozeß verwendest Du die Regeln so, daß sie am Ende des Prozesses das Konzept des Charakters abbilden. Du wirst es selten zu 100% hinbekommen (auch in anderen Rollenspielen nicht; das geht eigentlich nur mit regellosem Rollenspiel („Freeform“)).

In eigener Sache. Jopp. Ich bin derzeit wieder an Deck, und ich hoffe, das wird auf absehbare Zeit so bleiben. Vielen Dank für die netten Kommentare und eMails vor ein paar Wochen. Das war #500. 

Kommentare:

Ingo hat gesagt…

Phoenix aus der Asche. Gut so!

Ich hoffe auf anregende Diskussionen und schlagkräftige Argumente. Meinungsvielfalt!

Bestes
Ingo

rpgn0sis hat gesagt…

Willkommen zurück!
Guter Artikel, dem ich ziemlich vorbehaltlos zustimmen kann.

Andreas (RPGnosis) hat gesagt…

Willkommen zurück! :)
Kann dem Artikel vorbehaltlos zustimmen.

Anonym hat gesagt…

Wir schön, wieder von Dir zu hören! Caliz

Moritz hat gesagt…

Jawollja. Er ist wieder da!

lars_alexander hat gesagt…

Eine gute 500.

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