Mittwoch, 23. Mai 2012

Sherlock Holmes ist ein Idiot

Wirklich. Und das tut so richtig weh. Viele die ich kenne schwärmen von der BBC-Serie Sherlock, die den viktorianischen Meistderdetektiv "updated". Reboots sind ja immer noch en vogue.

In der Serie brillieren Benedict Cumberbatch und Martin Freeman (von dem wir ja demnächst noch Großes erwarten). Der erste Film A Study in Pink ist über weite Strecken würdig. Hervorragend gespielt bis in die Nebenrollen (Lestrade, Mycroft), großartige Einführung der Hauptcharaktere, clevere Dialoge, die richtige Dosis Humor und eine sich flott entwickelnde Handlung um Serienselbstmorde. Die Deduktionen des Meisters sind plausibel und "pretty fucking amazing" (That's not what I normally hear - What do you hear? - 'Piss off!').  Allenfalls die Auflösung ist etwas mau und zehrt an der Suspension of disbelief, aber sie ist noch erträglich.

Bravo. Steven Moffat, Co-Creator des Reboots, hat ein solides Drehbuch für einen Holmes-Film geschrieben, das auch Sir Arthur gefallen hätte. Gesonderter Kudos an die Art und Weise, wie die Macher Textmessages dynamisch integriert haben.

Wie man Charaktere ruiniert

Enter Steven Thompson als Hauptautor des zweiten Filmes The Blind Banker. Bereits nach knapp 40 Minuten hat sich Holmes als Idiot enttarnt, und das tut richtig weh, zumal Regie und Darsteller wirklich sehr solide agieren. Thompson läßt den Helden underperformen, und das darfst Du in keinem Medium jemals tun, ohne Deine Zuschauer zu verärgern (guckst Du hier warum).

Holmes hat ein ominöses Warnsymbol an zwei Stellen, das man auch als Kalligraphie-Laie in den asiatischen Raum einordnen kann, dazu einen ermordeten Investmentbanker der Sektion Honkong. Geht Holmes mit dieser klaren Verbindung aufs Web, um das Zeichen zu entschlüsseln (geeignetes Forum vorausgesetzt dauert das 30 Minuten, Google-Bildsuche dürfte auch nicht lange dauern) oder sucht zumindest einen Sinologen auf? Nein, er eiert den ersten Akt hindurch diesem Hinweis hinterher, ohne Plan, und sucht einen Straßensprüher auf, ob der ihm was dazu erzählen kann.

Watson entdeckt die Bedeutung des Zeichens dann durch einen (halben) Zufall. Das ist vielleicht noch schlimmer, denn es impliziert, daß der Eidetiker Holmes nie im Chinesenviertel Londons war, da dort das Zeichen an allen Ecken und Enden zu finden ist. Oder er ist nicht nur doof, sondern auch noch kein Eidetiker.

Good-bye Arthur Conan Doyle und Hello Agatha "Coincidence" Christie.

Abgeschaltet

Ich hab The Blind Banker dann ausgeschaltet als kurz darauf Holmes es noch fertigbrachte, sich fast umbringen zu lassen. Not on my watch. Ich hoffe, der dritte Film The Great Game, geschrieben von Mark Gatiss, dem zweiten Macher der Serie, wird wieder besser, sonst ist das wohl doch nichts für mich.

Kommentare:

Moritz hat gesagt…

Na und? Scully blickt auch in einer Akte X-Folge fast eine Minute lang auf einei riesige Formel einer gefundenen Substanz mit einem großen "C" in der Mitte und murmelt dann irgendwann wissend: "Es muss sich um eine organische Substanz handeln!"

alexandro hat gesagt…

War es nicht vielmehr so, dass Holmes sich absichtlich dumm gestellt hat, damit die Bösen ihn und Watson verwechseln? (ist eine Weile her, dass ich die Folge gesehen habe, meine mich aber deutlich zu erinnern, wie in Rückblenden gezeigt wurde, dass Sherlock letztendlich für die "Mißverständnisse", die zur Entführung von John und Sarah führten, verantwortlich war) Das passt imo sehr gut zur Herangehensweise des neuen Holmes und lässt ihn keineswegs als Idiot (wohl aber als Soziopathen) dastehen.

TheShadow hat gesagt…

@Moritz: Bei Scully knirche ich schon schwer mit den Zähnen, aber bei dem Meisterdenker mit dem perfekten Gedächnis und der eidetischen Begabung ist es ein Dealbreaker (wie ein feige kreischender Indiana Jones z.B.).

@alexandro: Mmmh, dann seh ich die Folge doch noch bis zum Schluß an und werde mich ggf. korrigieren.

ghoul hat gesagt…

Spazieren gehen und über Hinweise stolpern klingt auch irgendwie sehr nach Arthur Machen.

TheShadow hat gesagt…

War es nicht vielmehr so, dass Holmes sich absichtlich dumm gestellt hat, damit die Bösen ihn und Watson verwechseln?

Ganz gesehen: Leider nein. Sherlock ist ein Idiot, die ganze Folge ist ziemlich daneben. Aber wenigstens weiß ich jetzt warum, das gibt ein Writing 101.

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