Dienstag, 8. Mai 2012

Mit blitzenden Klingen

Erinnerungen kommen hoch, an Frere Montfort, den dicken Franziskaner mit der Glatze, dem Bart und der verdammt schnellsten Rapierklinge in ganz Nordfrankreich. Mein Charakter in unserer kurzen Flashing Blades-Runde im Sommer 1985 oder 1986. Ich dachte ich hätte das Spiel verloren. Aber eine freundliche Seele im Tanelorn verwies mich an Drivethru.

Oh Goodie. Das war der tollste Fund seit Monaten.



Das Schlechte zuerst

Öh... die Kampfregeln? Ein Kommentator nannte sie "vollkommen Banane". Das ist ein valider erster Eindruck. Es ist der Versuch, M&D-Flair ins RSP zu bringen, und jede einzelne Designentscheidung fiel vor diesem Hintergrund und ist nachvollziehbar, und trotzdem "vollkommen Banane". So gibt es selbstverständlich aktive Paraden. Das finde ich für Mantel & Degen unerläßlich und daher nachvollziehbar. So wird das umgesetzt:

An action  taken  to avoid an  attack  is  a defense. Each defense affects  all attacks on a character during a turn. The one action defenses are  'duck'  (jump  low to avoid a  high attack),  'sidestep' (step  to one side),  'dodge'  (move about to  avoid attacks  from any direction), 'parry' (stop  an  attack  from a  dueling weapon  or 2-H sword,  by catching it with another dueling weapon or  2-H sword),  and 'block'  (block an unarmed attack with  arm  or  leg,  or  block any  incoming attack with an improvised shield). The  long action  defense is  'step  back'  (move backwards to  leave  the combat).
In terms  of  movement, a  'sidestep'  will  take the defender  1 meter to either  side,  and a 'step  back' will take the defender  up  to 3 meters backwards (away  from an  enemy).  A  'step  back' which  takes the defender  more  than  4  meters  from his enemy has  'disengaged'  him; unless an enemy moves within 4 meters during  the same turn,  the defender  will  be able  to do normal movement  or  running movement at  the beginning of the next turn.
Klar, was "Banane" bedeutet? Ich weiß nicht, was der Designer in seiner Freizeit macht, aber ich tippe auf Lachen in Gummijacke oder mit Büroklammern und leeren Feuerzeugen Hamster töten (das ist nicht so leicht, wie es sich anhört).

Die Präsentation ist schwarz-weiß mit teilweise sehr schönen Illus, optisch altbacken, aber übersichtlich. Die didaktische Aufarbeitung der Regeln aber ist ein Graus. Die Industrie hat da in 30 Jahren viel gelernt. Seien wir dankbar.

Also, als Mantel&Degen ist dieses Kampfssystem nicht spielbar.

Aber der Rest...

...ist stellenweise genial, dabei grob, unstrukturiert, unspielbar... Das Setting, die Welt der Musketiere des Gene Kelly-Films ohne magische oder sonstwie wesensfremde Elemente, wird fast ausschließlich über Regeln vermittelt.

Die soziale Komponente ist fest im Charakter und seiner Progression verankert. Die Schichten (Adel, Bürgerlicher, Kirche) und die Berufe (Militär, Kirche, "Bürokratie") sind ebenso Bestandteil wie verschiedene Clubs und der soziale Aufstieg in allen Ebenen. Lehnsverwaltung gehört dazu sowie Investments und Einkommen. Sehr genretypisch: Wer Dumas' Die drei Musketiere als Buch kennt, weiß daß die unübersichtlichen Einkommensverhältnisse und auch die ständige Geldnot der verschwenderischen Musketiere breiten Raum einnehmen.

Alles drin. Alles nicht spielbar. Aber vom Ansatz vollständig.

Die Abenteuer (v.a. die Kurzkampagne An Ambassador's Tales) sind zwar nur grob ausgearbeitet und mit Schienen durchzogen, aber sie sind prall gefüllt mit genrespezifischen Ideen und teilweise hinterfotzigen Wendungen.

Was damit tun? Savage it!

Mantel&Degen, das nicht im Piratenmilieu spielt, ist als RSP so gut wie nicht zu bekommen. Die einzige Alternative im Moment wäre All for One. Mir gefällt das Spiel aber überhaupt nicht, weder die Regeln noch die Genregestaltung.

Für um die 20 $ kriegt man bei Flashing Blades die komplette Reihe und hat einen tollen Steinbruch für ein Musketierrollenspiel (inkl. Piratenerweiterung, falls gewünscht) in dem alles drin ist, was das Genre definiert. Die Abenteuer bieten eine Fülle an Ideen, Ansatzpunkten, Charakteren und Schauplätzen, mit denen man sehr viel bessere Szenarien erstellen kann.

Spielbar ist das alles wie gesagt nicht, und ich frage mich, wie wir das damals gemacht haben. Aber es ist eine Goldmine für Setting-Bastler. Es bietet sich an, z.B. für Savage-Worlds konvertiert zu werden.

Für das Kampfsystem empfiehlt sich als Basis Pirates of the Spanish Main.
Alternativ funktioniert auch mein Kampfschulensystem aus Robe und Rapier, das die Schulen mit einer deftigen Prise nationaler Vorurteile und Klischees versieht. Allerdings weiß ich nicht, wann Prometheus das Buch ausliefern wird und aufgrund der Wettbewerbsbegrenzungen mußte ich da leider auch etliches rauskürzen. Mal bei den Promethen nachfragen, ob das getrennt als Kampfsystem zu veröffentlichen wäre (kostenlos als Fanware natürlich).

Wer sich erst einmal durch das Flashing-Blades-System gearbeitet und seine Vezahnung von Setting und Charakter durchdrungen hat wird feststellen, daß dieser Teil sehr elegant mit Talenten in SaWo umsetzbar ist. Die wirtschaftlichen Aspekte müßten noch ausgearbeitet werden. Eine konzise Konversion kann die Stärken des Systems, die im Chaos eines für seine Zeit typischen Produktes verschüttet sind, in den Vordergrund stellen.

Dann hat man ein tolles Spiel mit blitzenden Klingen.

Kommentare:

alexandro hat gesagt…

Ich weis nicht...aber die Kampfregeln haben was. Übersichtlich, eingängig und nachvollziehbar. Zwar mag Bodenplan für M&D eher ungewöhnlich sein (genau wie aktive Parade), aber die Bewegungsregeln klingen so, als würden sie den Flair der Filme gut einfangen.

Unzeitgemäß mögen sie vielleicht sein, aber "Banane" ist was anderes.

Zornhau hat gesagt…

Bekanntermaßen konvertiere ich ja gerne Settings auf Savage Worlds. Aber in diesem Falle weiß ich etwas, das noch VIEL BESSER paßt: "Honor&Intrigue".

Das ist ein Mantel&Degen-Rollenspiel auf Basis der Barbarians-of-Lemuria-Regeln, welches wundervolle Fechtaktionen und scharfzüngige Rededuelle mit der Eleganz und Leichtfüßigkeit der BoL-Regeln verknüpft.

Ich spiele meine Flashing-Blades-Abenteuer mit Honor&Intrigue.

(Das soll nicht heißen, daß es mit SW nicht ginge, sondern nur, daß es für diese Art Setting etwas BESSERES, etwas ELEGANTERES, etwas STIMMIGERES gibt.)

Taschenschieber hat gesagt…

Wir reden hier von den Kampfregeln mit der halbseitigen Modifikatorentabelle für verschiedene Kombinationen zwischen Angriffs- und Abwehrtypen? "Eingängig" und "Nachvollziehbar" sind was Anderes...

alexandro hat gesagt…

Ich bin auf das Zitat von TheShadow eingegangen, welches die "Bananigkeit" der Regeln demonstrieren sollte (aber ganz verbünftig klingt).

Was sonst noch so im Buch drin steht, weiß ich nicht.

Nerzenjäger hat gesagt…

Die Kampfregeln sind keine im traditionellen Sinn. Es sind Duellregeln. In Flashing Blades wird nicht gekämpft, es wird sich duelliert wenn die Ehre verletzt wurde. DAS klassische Mannerpunk-Spiel. Leider echauffiert es sich über das Artwork ein quietschbuntes M&D-Spiel zu sein, ist aber letztlich in seinen Ansätzen zu historisch-emulativ. Ich finde es trotzdem–oder gerade deswegen?–so genial, denn in FB ist Abstaktion die Diktion.

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