Sonntag, 13. August 2017

Aventurienschreibe oder: "Mein Aventurien ist nicht so finster."

Ist schon ein wenig her. Ich habe für meine Gruppe meinen DSA-Retro-Mutanten geleitet und wollte natürlich ein bißchen "Stimmung" aufkommen lassen. Also habe ich ihnen vor dem Spiel im Hausforum ihre Situation in Havena im Jahre Hal 3 geschildert. Einen ganz normalen Tag, für den ich versucht habe, sowas wie "Aventurienschreibe" zu emulieren, das Raunende, Onkelhafte.

Ich bin wohl ein finsterer Onkel. Die einzige direkte Reaktion, die folgte war: "Also. Mein Aventurien ist nie so finster gewesen." Die Reaktion habe ich gerade ausgegraben, den Text auch. Also poste ich ihn mal (ja, mit allen möglichen Fehlern, das wurde nie korrigiert). Vielleicht gibt es ja noch mehr finsterliche Meister des Schwarzen Auges. :)

Havenas Glanz und Ruhm sind lang vorbei. Der Hafen steht noch immer teils eingesunken wie vor 300 Jahren, und die Geschäfte laufen schlecht, nicht zuletzt wegen der Konkurrenten aus dem Lieblichen Feld. Sicher, die neue Residenz des Fürsten Cuanu erstrahlt, und Kaufmannsfamilien wie die Rastburgers häufen ungeahnte Reichtümer an, doch Hunger und Armut sind für viele Einwohner Havenas Gefahren, die sie täglich bedrohen. Die fleißigen Handwerker und Arbeiter in Nalleshof, Unterfluren und anderen Vierteln kommen über die Runden, doch unter ihrer alltäglichen Fröhlichkeit existiert das Wissen darum, daß oft nur ein Unfall, eine schwere Krankheit sie von Armut und Obdachlosigkeit trennt.

Es gibt Viertel, in denen sich dicht an dicht Elend und Gewalt in die Gassen drängen. Die Häuser sind seit dem Beben nicht repariert worden, die Mauern lehnen sich über die engen Straßen oder aneinander um Halt zu suchen, und manch Gebäude wird von einem Dutzend Stützbalken daran gehindert, seinen Rissen endgültig nachzugeben.

In der Dunkelheit verkaufen sich ausgemergelte Gestalten für ein paar Heller an Fremde, um sich das nächste Glas Andergaster leisten zu können. Der Alkohol in den Schänken ist stark und kostet kleine Münze. Betrunkene torkeln nachts durch die Gassen, übergeben sich oder brechen zusammen, um ihren Rausch im Dreck auszuschlafen. „Biber“ nennt man die kleinen Diebe, die derlei Betrunkene niederschlagen oder ihnen gleich die Kehle durchschneiden, um ihnen die letzten Groschen und Hehler zu stehlen.

Gewalt ist allgegenwärtig im „Orkendorf“, und niemand hört Dich schreien. Weder die Schreie aus den Häusern, wo Elend sich in familiärer Gewalt entlädt, noch Schreie auf den Straßen finden Beachtung. Die Stadtgarde läßt sich hier allenfalls sehen, wenn Aufstände drohen und die Ordnung in Gefahr ist.

Rasch erwirbt man im Orkendorf die Wachsamkeit eines Mohas, das durftet ihr feststellen. Ihr spürt es, wenn sich jemand in der Dunkelheit von hinten nähert. Ihr wäret gerne woanders, doch die Schmalheit eurer Geldbörsen zwingt euch in die Gassen des Elends. Kein lohnenswerter Auftrag, kein Abenteuer mit dem Versprechen auf Gold kam in den letzten Wochen Eures Wegs. Heuern ist auch schlecht, denn der Handel auf See und Fluß ist zu einem Rinnsal verkümmert, und die wenigen Kapitäne und Händler, die noch im Geschäft sind, haben ihre festen Mannschaften.

Wenigstens habt ihr eine Unterkunft, die nicht vor Schmutz starrt und wo man nicht befürchten muß, am morgen mit einem Schnitt durch die Kehle in Borons Hallen zu erwachen. Die Taverne zum Großmast wird vom Wirt Talock Winnel als Fels im anbrandenden Elend geführt, und seine Frau Caenna kocht sehr lecker. Sicher, ist man zu betrunken oder hat ein Flittchen im Arm, dann muß man im Schuppen pennen, doch dafür ist es möglich, das Silber für die Bleibe auch mal ein, zwei Tage später in die schwieligen Hände Talocks zu drücken.

Das ist fürwahr ein Trost, denn in euren Beuteln haben die Münzen soviel Platz, daß sie nicht mehr klimpern. Oh, es waren trockene, und manchmal gar hungrige Tage in den letzten Wochen, wo es nur für das schale Bier in der Eichstube reichte.

Doch heute ist alles anders. Die Männer des Fürsten haben den gefürchteten Piraten Rhonan den Schwarzen gefaßt. Heute morgen haben sie ihn in die Stadt geschleppt. Es gab ein faires Verfahren von zwölf Minuten, und während sich die Bevölkerung zusammenfand, wurde eilends die Hinrichtung auf dem Turnierplatz vorbereitet.

Das Stiergebrüll des Piraten stieg in die Abenddämmerung, als man ihm zur Richtstätte zerrte, und er rief den Zorn und die Rache der Niederhöllen auf die Stadt herab. Ein Nicken des Fürsten Cuanu, und das breite Schwert des Henkers machte dem Gezeter ein Ende. Dann erging es Rhonans Spießgesellen nicht besser, und ihrer mehr als ein Dutzend ließen das Leben auf dem Schafott, das im Blute ihrer Gerechtigkeit schwamm.

Die ganze Stadt feiert, und auch im Orkendorf werden die Becher auf den Fürsten gehoben. Die Stadtgarde hatte sich kurz blicken lassen und Beutel mit Silbertalern bei den Schankwirten gelassen, auf daß ein jeder Bürger Havenas seinen Fürsten mit Bier und Schnaps preisen kann.

Es geht hoch her in den Schänken, die Luft ist dick und schneidend. Man läßt den Fürsten hochleben, man trinkt auf den Schneid von Chard Beannard, den Stadthauptmann, der den Piraten in einem nahen Rasthaus an der Straße nach Abilacht fangen konnte. Heute Nacht sind alle dem Fürsten ergeben.

Kommentare:

Unknown hat gesagt…

Das hört sich sehr nach "meinem" Aventurien an. Aus meiner Sicht kann Aventurien genau so finster sein - aber nicht nur und nicht auf Dauer. Gerade für Havena finde ich das aber absolut passend.(oder auch Mengbilla!) die größe Stärke von DSA / Aventurien ist aus meiner Sicht, dass es mir sehr viele Spielstile ermöglicht. Bei z.B. Warhammer bin ich da deutlich eingeschränkter, Da ist halt nur und immer "finster" und das wird aus meiner Sicht auf Dauer langweilig. Außerdem nutzt sich "finter" auf Dauer auch stark ab.

rpgnosis hat gesagt…

Ich glaube, so finster war Aventurien damals wirklich nicht... :) und auch später nur in ausgewählten Gegenden wie den Schwarzen Landen.
Aber stimmungsvoller Einstieg für eine Kampagne, die ganz unten anfängt.

Klaus hat gesagt…

Nun ja, ganz so dreckig hatte ich Havena nach Lektüre des ganz alten Quellenbeschreibungen auch nicht vor Augen, aber wenn man die Realitäten gerade der ärmlichen Viertel mal konsequent durchdenkt, ist Dein Text durchaus stimmig. Mich würde nun viel mehr interessieren, ob die Geschichte am Spieltisch dann in dieser Form weiterging.

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