(Alle Writing 101-Artikel)
Die Literaturwissenschaft arbeitet sich gerne an Begriffen wie "Vorausdeutung" ab. Der eine oder andere wirft im Proseminar dann auch mal "Chekhovs Gun" in die Runde. Die Ohren glühen dabei. Was kann man mit Theorie nicht so alles machen.
Wenig Praktisches. Was dieser Eiertanz um das Eigentliche herum meint ist ganz einfach: Set-Up und Pay-Off. Dies ist die grundlegende organische Struktur einer Erzählung im westlichen Kulturkreis (ich nehme an, wohl auch im östlichen und anderen, aber da bin ich mir nicht sicher und halte die Klappe).
Ja, Chekhovs berühmte Knarre ist in der Tat eine Facette dieser Struktur, und ja, auch Foreshadowing gehört dazu. Aber das ist nicht alles. Set-Up und Pay-Off durchdringen die Schichten einer Erzählung, verknüpfen sie miteinander und gibt scheinbar beziehungslosen Ereignissen Bedeutung. Sie sind der Kitt.
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Freitag, 17. August 2012
Dienstag, 10. April 2012
Writing 101: Kurzgeschichten V
(Anmerkung für die Rollo-Gäste im Writing 101: Habe mich in den letzten Wochen durch Lied der Gier, Der vergessene Krieg, Rückkehr der Finsternis und vieles Andere gelesen. Dieser Beitrag geht daher über rsp-blogs.)
Wenn Sie Ihren Text fertiggeschrieben haben, wenn "Ende" auf der letzten Seite steht, dann ist es Zeit, ihn für ein paar Tage zu vergessen. Sie werden ihn nicht ausdrucken, Sie werden das "Ende" ein bißchen (bißchen!) feiern und den Text ansonsten vergessen. Drei Tage sind das Minimum.
Nach dieser Zeit drucken Sie ihn aus (mit breitem Rand und zweizeilig) und nehmen ihn in die Hand. Eine fertige Erstfassung, und darauf dürfen Sie stolz sein. Nicht viele, die sich mit dem Gedanken an ein Werk an den Editor setzen, erreichen diesen Punkt.
Sie werden Sie in diesem ersten Überarbeitungsprozeß Ihren Text nicht lesen, Sie werden korrigieren und anmerken. Mein Überarbeitungsablauf ist der folgende:
- Korrekturen und erste stilistische Überarbeitung.
- Überprüfen und Optimieren des Textes auf Ablauf. Einarbeiten der Anmerkungen aus dem Korrekturdokument.
- Feinschliff.
Stil
Stil ist die Grundlage guten Schreibens. Leider ist diese Grundlage nicht lehrbar. Stil.... ergibt sich, er scheint ein Fallout des Schreibprozesses zu sein, in dessen Verlauf die Sprache geschliffen und gehärtet wird. Zumindest ist dies bei den meisten Menschen so, die sich länger mit der Kunst des Schreibens befassen. Fast alles am Schreiben ist Handwerk, Stil ist die Gabe, die das Schreiben selbst verleiht.
Aber auch wenn Sie einen Stil und eine Stimme entwickelt haben, heißt das noch lange nicht, daß Sie ohne Holpern durch Ihre Muttersprache schweben, ganz das Gegenteil. Leider gibt es für die deutsche Sprache keine Elements of Style, dafür jede Menge Besserwisser wie Bastian Sickert. Am ehesten noch von Nutzen erscheint Wolf Schneiders Deutsch für Profis, ein Werk, das sich zwar an Journalisten richtet, aber den Unarten unseres Sprachgebrauchs voll Zielstrebigkeit an den Kragen geht. Aufgeblasenen Sätzen wie dem Vorherstehenden beispielsweise. ;)
Legen Sie im Computer eine Kopie der Erstfassung an, dann öffnen Sie im Editor die Überarbeitungsversion, die Datei, mit der Sie ab jetzt arbeiten werden. Die Erstfassung bleibt unangetastet.
Setzen Sie sich mit einem Kaffee oder Tee an den Arbeitstisch, und arbeiten Sie Ihren Erstausdruck mit einem grünen Stift durch. Sie gehen Szene für Szene vor. Dabei werden Sie vier Dinge tun:
- Sie werden die Syntax- und Orthographie-Fehler anstreichen.
- Sie markieren jeden Absatz, der Ihnen besonders gefällt mit einem Haken am Rand. Unterstreichen Sie, was Ihnen besonders gefällt.
- Sie markieren jeden Absatz, der Ihnen besonders schwach erscheint, in dem Ihnen etwas insgesamt nicht stimmig erscheint, mit einem Kreuz an Rand. Notieren Sie ein Stichwort zum Problem. Wenn Sie eine Lösung haben, dann ebenfalls notieren.
- Sie werden die Stolperfallen der deutschen Sprache suchen, erkennen und eliminieren.
Schauen wir uns #4 etwas näher an
Adjektive / Adverbien. Ich zitiere mich selbst. "Adjektive und ihre Bankerte, die Adverbien, sind Merkmale einer Sprache, die der Faulheit oder Schludrigkeit verfallen ist (deswegen finden sich so viele auf diesem Blog, dem ich halt nur wenig Zeit widmen kann). Man kann Adjektive sicherlich mit vielen Adjektiven beschreiben, "intensiv" aber wäre darunter wohl nicht zu finden. Adjektive, oft verklärt zur "poetischen Verstärkung", verfetten und verstopfen den Fluß der Sprache wie Schweineschmalz die Arterien.
Nutze Verben. Nutze Verben. Nutze Verben. Erdrossele jedes Adjektiv und jedes Adverb, daß Du mit einem Verb ersetzen kannst. Die, bei denen Dir auf die Schnelle nichts einfällt, die sprich halt aus, aber beobachte sie mit Mißtrauen; die Biester vermehren sich wie die Ratten. Auf keinen Fall aber forciere ihren Gebrauch."
Für gewöhnlich wedelt man auf der Adjektivseite dann mit Lovecrafts Prosa über "kosmisches Grauen". Lassen Sie sich nicht täuschen: Das einzige kosmische Grauen in Lovecrafts Prosa ist seine Prosa. (Selbstverständlich wird diese Meinung von vielen nicht geteilt.)
Passivkonstruktionen: Sie haben durchaus ihre Berechtigung, allerdings ist es oft so, daß ein Satz im Aktiv besser wirkt und mehr Dynamik erzeugt. Der Passiv ist die Leideform, und wir wollen nicht zuviel leiden. Keinesfalls tolerieren Sie zwei oder mehr Passivkonstruktionen hinter- oder nahe beieinander.
Satzlänge: Kommt Ihnen ein Satz zu lange vor, besteht die Wahrscheinlichkeit, daß dem so ist. Mehr als drei Standardzeilen (180 Zeichen) definieren einen Satz als "lang". Das bedeutet noch nichts Falsches, denn wechselnde Satzlängen bringen Rhythmus in die Sprache. Haben Sie allerdings ein Auge auf monotone Bandwurmsätze, mißglückte Anschlüsse und Einförmigkeit.
Füllschwurbel: Wir alle verwenden Sie, die Füllwörter wie eigentlich, zumindest, ziemlich, einige. Sie stören bestenfalls, aber sind notwendig. Zumeist jedoch stören Sie nur, schwächen Wirkung ab, blähen Sätze auf. Für sie gilt das Gleiche wie für Adjektive: Ausrotten, wo immer möglich, mit Mißtrauen betrachten, was sich als unentbehrlich tarnt. Wie wir alle werden Sie feststellen, daß Sie sogar regelrechten Lieblingsschwurbel in Ihre Sprache sickern lassen.
Szene für Szene
Wenn Sie eine Szene durchgearbeitet haben, erfolgen die Korrekturen in der Textdatei selbst. Sie verbessern alles, was Sie markiert haben und lösen erkannte Probleme in "schlechten" Absätzen.
Absätze, an denen ein Haken für "gut" zu finden ist, markieren Sie in der Datei komplett Grün, fetten Sie das Beste am Absatz. Ihr Bauchgefühl ist jetzt noch treffsicher, später wird es sich verwirren, die Analyse greift dann anstelle des Bauchgefühls. Analyse hat leider kein Sprachgefühl.
Die grüne Farbe soll die guten Absätze vor Verwirrung schützen. Sonst "verbessern" Sie später ein perfektes "Ich habe nichts zu bieten als Blut, Schweiß, Mühsal und Tränen" im Korrekturwahn zu "Wir alle werden Körperflüssigkeiten verlieren." Das darf nicht passieren, und Grün signalisiert, hier bei Änderungen besonders umsichtig zu sein.
Gehen Sie auf diese Weise Szene für Szene durch. Das ist eine hochkonzentrierte Arbeit, und Sie sollten in einer Sitzung nicht mehr als zehn Manuskriptseiten korrigieren, bevor Sie Ihrem Kopf eine längere Auszeit geben (min. 3 Stunden).
Wenn Sie Ihre Erstfassung auf diese Weise verbessert haben zur Fassung 1.1, dann sind Sie soweit, Sie zu lesen und inhaltlich zu überarbeiten. Ich kann Ihnen versprechen, wir alle werden Körperflüssigkeiten verlieren.
Im nächsten Beitrag dieser Kolumne.
Die Vorläufer sind hier zu finden:
Kurzgeschichten I: Definition der Form und Stoffsammlung
Kurzgeschichten II: Plot, Plotplanung, Konflikt, Charakter
Kurzgeschichten III: Perspektive, Set-Up, Schreibprozeß
Kurzgeschichten IV: Ein Interludium
Alle Writing 101-Beiträge sind hier zu finden.
Mittwoch, 4. April 2012
Writing 101: Kurzgeschichten IV (Interludium)
(Die Teile I II und III dieser Serie sind natürlich online. Alle W101-Artikel gibt es hier.)
Ein paar ergänzende Worte zum Prozeß der Erstfassung scheinen nach Feedback angebracht. Übrigens, liebe Leser (drei :)), waren eure eMails nett, aber nutzt doch die Kommentarspalten, da haben alle was davon.
Abweichung vom Plotplan
Offenkundig habe ich, wie es leider meine Art ist, ein wenig harsch formuliert, was den Umgang mit neuen Ideen während des Prozesses angeht. Sie haben mit den Karteikärtchen oder wie immer Sie den Plotplan erstellt haben, eine Vorarbeit geleistet. Während Sie diese nun ab- und ausarbeiten, müssen Sie natürlich offen sein für Veränderungen innerhalb des Textes, denn erst im Prozeß selbst erkennen Sie viele Möglichkeiten und Verbindungen. Manche Ergänzung oder Richtungsänderung ist nur im Detail von Bedeutung, manche von viel größerem Gewicht.
Seien Sie offen für neue Ideen im Prozeß, aber achten Sie darauf, ob diese Sie vom Kern Ihrer Geschichte wegführen. Dann gilt es mißtrauisch zu werden.
"Hilfe, mein Zeug ist weg!"
Der Hund hat das Manuskript gefressen oder die Festplatte ist abgeraucht. Wenn Sie einen Roman schreiben, kann das eine Katastrophe sein: Sechs Kapitel, alle Vorarbeiten und ein Jahr Recherche zum Teufel. Das wars, das Projekt ist hin. (Das ist mir schon passiert, aber ich konnte die Daten zumindest als Roh-Dump von der defekten Platte holen und auslesen, außerdem hatte ich einen Ausdruck vom Geschriebenen. War trotzdem sehr, sehr ärgerlich.)
Auch bei einer Kurzgeschichte ist das ärgerlich. Hier ist es weniger die Textmenge, die schmerzt, sondern der Verlust kreativer Leistung. Die Ausarbeitung der Stichwörter einer Karteikarte beinhaltet Entscheidungen und Ideen, die jetzt erstmal weg sind. Aber bei Kurzprosa haben Sie sie noch im Kopf.
Setzen Sie sich so rasch wie möglich hin mit den bereits abgearbeiteten Kärtchen. Versuchen Sie sich zu jedem Kärtchen Ihre konkrete Umsetzung ins Gedächtnis zu rufen. Wie war der Fokus? Hatte ich eine gute Idee das umzusetzen? Schreiben Sie es in zwei, drei Sätzen auf. Nicht mehr. Rekonstruieren Sie den Text jetzt nicht vollständig, sondern erst nach Abschluß der Erstfassung. Zu groß ist sonst die Gefahr, daß der Gedankenfluß reißt, daß Sie frustriert werden, oder in die Endlospirale des vorzeitigen Korrigierens geraten.
Ansonsten: Regelmäßige Datensicherung und bei größeren Projekten auch ausdrucken sind unerläßliche Sicherheitsmaßnahmen.
Mangelnde Ausdauer
Bleiben Sie am Ball. Auch "nur" 200 Wörter täglich sind 200 Wörter. Auch damit erreichen Sie Ihr Ziel. Motivieren Sie sich. Vielleicht gehören Sie zu den Glücklichen, die Sich am eigenen Geschriebenen sogar erfreuen können. Dann lesen Sie zu Beginn einer Sitzung die letzten paar Absätze der Arbeit vom Tage zuvor, und Sie kommen in den Fluß. (Wenn Sie Ihre Prosa furchtbar finden, ein natürliches Empfinden ähnlich dem, unsere eigene Stimme auf Band zu hören, dann meiden Sie das wie Gift!)
Loben Sie sich, wenn Sie 200 Wörter geschrieben haben (oder was auch immer Ihr Tagespensum ist). Nicht viele packen das.
Halten Sie durch, bis Sie "Ende" unter den Text tippen können.
Ein paar ergänzende Worte zum Prozeß der Erstfassung scheinen nach Feedback angebracht. Übrigens, liebe Leser (drei :)), waren eure eMails nett, aber nutzt doch die Kommentarspalten, da haben alle was davon.
Abweichung vom Plotplan
Offenkundig habe ich, wie es leider meine Art ist, ein wenig harsch formuliert, was den Umgang mit neuen Ideen während des Prozesses angeht. Sie haben mit den Karteikärtchen oder wie immer Sie den Plotplan erstellt haben, eine Vorarbeit geleistet. Während Sie diese nun ab- und ausarbeiten, müssen Sie natürlich offen sein für Veränderungen innerhalb des Textes, denn erst im Prozeß selbst erkennen Sie viele Möglichkeiten und Verbindungen. Manche Ergänzung oder Richtungsänderung ist nur im Detail von Bedeutung, manche von viel größerem Gewicht.
Als ich das Set-Up für das Beispiel vorbereitete, habe ich aus dem saufenden Lehrer einen saufenden Waffenverkäufer gemacht, weil er a) weniger klischeebeladen und b) interessanter ist, dabei c) eine weitere Ebene moralischer Beschädigung des Protagonisten hinzufügt.Wenn Sie eine neue Idee einbauen, dann überlegen Sie kurz deren Auswirkung nach hinten auf das bereits Geschriebene und nach vorne auf das, was noch zu Schreiben ist. Für die weitere Entwicklung genügt es, Karteikärtchen zu korrigieren, ggf. eine einzufügen. Für die rückwirkenden Änderungen ist bei mir im Editor auch immer eine Datei "Für den zweiten Durchlauf" offen, in denen ich die Änderung eintrage und ggf. rückwirkende Ergänzungen vermerke.
Seien Sie offen für neue Ideen im Prozeß, aber achten Sie darauf, ob diese Sie vom Kern Ihrer Geschichte wegführen. Dann gilt es mißtrauisch zu werden.
"Hilfe, mein Zeug ist weg!"
Der Hund hat das Manuskript gefressen oder die Festplatte ist abgeraucht. Wenn Sie einen Roman schreiben, kann das eine Katastrophe sein: Sechs Kapitel, alle Vorarbeiten und ein Jahr Recherche zum Teufel. Das wars, das Projekt ist hin. (Das ist mir schon passiert, aber ich konnte die Daten zumindest als Roh-Dump von der defekten Platte holen und auslesen, außerdem hatte ich einen Ausdruck vom Geschriebenen. War trotzdem sehr, sehr ärgerlich.)
Auch bei einer Kurzgeschichte ist das ärgerlich. Hier ist es weniger die Textmenge, die schmerzt, sondern der Verlust kreativer Leistung. Die Ausarbeitung der Stichwörter einer Karteikarte beinhaltet Entscheidungen und Ideen, die jetzt erstmal weg sind. Aber bei Kurzprosa haben Sie sie noch im Kopf.
Setzen Sie sich so rasch wie möglich hin mit den bereits abgearbeiteten Kärtchen. Versuchen Sie sich zu jedem Kärtchen Ihre konkrete Umsetzung ins Gedächtnis zu rufen. Wie war der Fokus? Hatte ich eine gute Idee das umzusetzen? Schreiben Sie es in zwei, drei Sätzen auf. Nicht mehr. Rekonstruieren Sie den Text jetzt nicht vollständig, sondern erst nach Abschluß der Erstfassung. Zu groß ist sonst die Gefahr, daß der Gedankenfluß reißt, daß Sie frustriert werden, oder in die Endlospirale des vorzeitigen Korrigierens geraten.
Ansonsten: Regelmäßige Datensicherung und bei größeren Projekten auch ausdrucken sind unerläßliche Sicherheitsmaßnahmen.
Mangelnde Ausdauer
Bleiben Sie am Ball. Auch "nur" 200 Wörter täglich sind 200 Wörter. Auch damit erreichen Sie Ihr Ziel. Motivieren Sie sich. Vielleicht gehören Sie zu den Glücklichen, die Sich am eigenen Geschriebenen sogar erfreuen können. Dann lesen Sie zu Beginn einer Sitzung die letzten paar Absätze der Arbeit vom Tage zuvor, und Sie kommen in den Fluß. (Wenn Sie Ihre Prosa furchtbar finden, ein natürliches Empfinden ähnlich dem, unsere eigene Stimme auf Band zu hören, dann meiden Sie das wie Gift!)
Loben Sie sich, wenn Sie 200 Wörter geschrieben haben (oder was auch immer Ihr Tagespensum ist). Nicht viele packen das.
Halten Sie durch, bis Sie "Ende" unter den Text tippen können.
Montag, 2. April 2012
Writing 101: Haupt- vs. Nebenfigur
(Das geht auch über RSP-Blogs.de, weil der Originalartikel am diesmonatigen Karneval teilnimmt. Dieser Beitrag geht aber mehr in Richtung kreatives Schreiben, weniger Abenteuerdesign.)
Es gibt wohl Verständnisprobleme bei meiner Festlegung von Nebenfiguren. Sorry, mein Fehler. ich habe falsch kontextualisiert. Im Original wird eine Geschichte angerissen und aus Sicht der Nebenfigur in Ansätzen wiedergegeben, was dazu führt, daß ihre Rolle größer wirkt als sie ist. Ich erfinde jetzt also den gesamten Kontext und reiche ihn nach, um die Unterschiede zwischen Protagonist und Nebenfigur deutlicher zu machen.
Pitchen wir zunächst einmal unseren kleinen, chauvinistischen Kriegsfilm. Ich hab genau die Zeit mit einem Produzenten, die er neben mir benötigt, ein Buffethäppchen zwischen seine schiefen Zähne zu schieben, also drei bis fünf Sätze. (I make this up as I go along, bitte die Ansprüche runterschrauben.)
Pitch: The Few
Nach all dem Chauvi-Gerassel haben wir uns aber was zum Ausgleich verdient: Don't mention the war.
P.S.: Falls irgendein Produzent lockeres Geld in Schweiz liegen hat: Ich schreibe auch noch einen deutschen Staffelführer rein (Spiegelbildkonflikt), und der darf dann gerne mit Till Schweiger besetzt werden...
Es gibt wohl Verständnisprobleme bei meiner Festlegung von Nebenfiguren. Sorry, mein Fehler. ich habe falsch kontextualisiert. Im Original wird eine Geschichte angerissen und aus Sicht der Nebenfigur in Ansätzen wiedergegeben, was dazu führt, daß ihre Rolle größer wirkt als sie ist. Ich erfinde jetzt also den gesamten Kontext und reiche ihn nach, um die Unterschiede zwischen Protagonist und Nebenfigur deutlicher zu machen.
Pitchen wir zunächst einmal unseren kleinen, chauvinistischen Kriegsfilm. Ich hab genau die Zeit mit einem Produzenten, die er neben mir benötigt, ein Buffethäppchen zwischen seine schiefen Zähne zu schieben, also drei bis fünf Sätze. (I make this up as I go along, bitte die Ansprüche runterschrauben.)
Pitch: The Few
Krieg meißelt das Gesicht einer Nation und schmiedet ihren Charakter. Sie steht zusammen, oder sie fällt. Als 1940 die Luftwaffe dabei ist, England in die Unterwerfung zu bomben, ist Flight Captain Robert Cochran geradezu ein Symbol seines gespaltenen Landes, vergiftet vom Klassendenken, durchdrungen von Überheblichkeit. Erst als die Männer seiner Staffel sterben und England langsam in die Knie bricht, versteht er die Bedeutung von "One nation in the face of the enemy". Ein verzweifeltes Rennen beginnt, den Deutschen ebenbürtig zu werden...Es ist ein Kriegsfilm mit geilen, harten Luftkampfszenen (und die sind auch die Hauptattraktion). Cochrans Rolle als Jagdpilot ist sehr prominent. Sein Hauptkonflikt ist im Pitch (England verteidigen) und seine notwendige Entwicklung auch (Klassendünkel ablegen). Die Entwicklung, die Handlungen und die Erlebnisse Cochrans tragen den Film. Neben den "gepitchten" Konflikten trägt Cochran noch weitere in sich. Zusammenfassend behandelt der Film:
- Cochrans Agonie, daß seine Piloten sterben. Die Oberschichthaltung, Luftkrieg sei sowas wie Fuchsjagd, wird zerstampft unter den horrenden Verlusten an jungen, fröhlichen Burschen, deren Leben ausgelöscht wird. (Externer Hauptkonflikt: Defending Britain)
- Diese Agonie resultiert auch aus der Unterlegenheit der vorhandenen Maschinen seiner Staffel, denn die Hurries sehen selten einen Stich gegen die Me109. Trotz seiner Ausbildung als Ingenieur scheint er machtlos. Wenn er nicht lernt, seine simplen Mechaniker mit ihrem Cockney ernstzunehmen, wird es ihm nicht gelingen, das Problem zu lösen (Interner Hauptkonflikt: Learn to stand united)
- Hauptcharaktere benötigen auch ein Privatleben und einen Konflikt darin. In diesem Falle dreht er sich um Cochrans Oberschichtfrau, ein sensibles Geschöpf, das er behüten will. Sie indes will Rot-Kreuz-Dienst leisten. Sie setzt sich durch, und sie pflegt die zerfetzten Flieger und die Opfer der Bombenangriffe (Nebenkonflikt; illustriert die Bedeutung der Hauptkonflikte)
- Er illustriert als "Color" und sorgt für etwas comic relief.
- Sein Verhalten ist Kommentar und verdeutlicht dadurch die Konflikte der Hauptcharaktere.
- Auf seine Person projiziert können wir Cochranes Wandlung und ihre Bedeutung (Sieg) nachvollziehen.
- Entscheidend ist daher nicht George's Idee, wie man die oben offenen Ölrinnen der Hurries dichten kann, sondern Cochrans Fähigkeit, dies als mögliche Lösung anzuerkennen.
- Cochrane vollendet seine Wandlung im Charakter (und symbolisch die Einigung der Nation), als er und seine Piloten die Mechaniker am Schluß explizit in die Ehrung einbeziehen.
Nach all dem Chauvi-Gerassel haben wir uns aber was zum Ausgleich verdient: Don't mention the war.
P.S.: Falls irgendein Produzent lockeres Geld in Schweiz liegen hat: Ich schreibe auch noch einen deutschen Staffelführer rein (Spiegelbildkonflikt), und der darf dann gerne mit Till Schweiger besetzt werden...
Freitag, 2. März 2012
Writing 101: Kurzgeschichten Teil III
(Teil I und Teil II dieser Serie sind natürlich online. Alle W101-Artikel gibt es hier.)
Okay, Sie sind fast soweit. Zentraler Konflikt? Check! Hauptfigur? Check! Plotablauf? Check! Halt, das ist vielleicht etwas voreilig. Haben Sie ihren Plot in szenischen Stichworten auf Karteikärtchen geschrieben, eines pro Szene? Dann schieben Sie die Kärtchen noch ein bißchen umher, vielleicht ist eine andere Reihenfolge besser. Wenn Sie die ideale Reihenfolge gefunden haben, fixieren Sie sie an einer Pinnwand. Dann nochmal: Plotablauf? Check!
Der Prozeß - nicht nach Kafka (oder doch?)
Wenn die leere Seite vor Ihnen auf dem Bildschirm aufflammt und auf den ersten Satz Ihrer Geschichte wartet, hat eine Reise ohne Umkehr begonnen. Das Schreiben einer Erzählung ist ein Prozeß voller Regelmäßigkeit. Voraussetzungen um in diesen Prozeß zu kommen sind ein Ziel, eine Zeit.
Setzen Sie sich ein realistisches Pensum, das es täglich zu bewältigen gilt. Wenn Sie nebenbei schreiben und einen Job haben sagen Sie 300, 400 oder max. 500 Wörter täglich, die Sie schreiben wollen/müssen (!!). Sie haben Urlaub? 1200 klingt realistisch. Sie können auf diese Weise abschätzen, wie lange Sie für den Erstentwurf Ihrer Geschichte (sie wird irgendwo zwischen 5000 bis 15.000 Wörtern landen) brauchen werden.
Sie schreiben täglich. Sie müssen täglich schreiben. Sie haben ein Pensum. Schreiben erfordert ungestörtes Arbeiten. Ihr Umfeld (Familie) weiß das, man wird Sie in dieser Zeit ungestört lassen wie einen 500kg-Blindgänger aus dem letzten Krieg. Sie selbst müssen sich abschotten; kein Facebook, keine Tweets, keine Besuche auf ihren bevorzugten Seiten. Falls Sie sich überhaupt Internetzugang erlauben, dann ALLEINE zum Zwecke der Recherche für Ihre Geschichte. Haben Sie soviel Disziplin?
Wenn das Umfeld also entsprechend vorgewarnt ist, und Sie sich Ihrer selbsteingegangenen Verpflichtung klargeworden sind, dann geht es daran, die Geschichte aufzuschreiben. Erschaffen haben Sie sie ja mit dem Plotplan schon.
Und hinein...
Der erste Satz sollte Ihnen sehr leicht fallen, wenn Sie Ihre Vorbereitungen erledigt und den inneren Horror vor dem Prozeß selbst erst einmal abgelegt haben. Danach folgt der erste Absatz. Ehe Sie es bemerken sind Sie im Prozeß.
Perspektive
Der Text wendet sich mit einem "Du" in vertraulicher Art und Weise an den Leser. Das kann gutgehen, wenn sich z.B. der Charakter einer Beichte ergibt, wie sie sich manchmal zu vorgerückter Stunde zwischen relativ Fremden ereignet. Die Perspektive aus der zweiten Person Singular hat viel mit der Ich-Erzählung gemein, schafft aber, den richtigen Stoff mit der richtigen Behandlung vorausgesetzt, mehr Intimität zwischen Leser und Erzähler. In beiden Fällen jedoch kann nur erzählt werden, was der Hauptcharakter / Erzähler erlebt oder erfährt. Die Ich-Erzählung wirkt dabei oft sehr einfach zu handhaben, ist es aber nicht (ungeachtet der Schwerelosigkeit, mit der Chandler oder Salinger diese Form meistern).
Die traditionellere Form der Erzählung ist die in der dritten Person. Hier muß man sich entscheiden zwischen dem personalen Erzählen, d.h. aus Sicht einer Figur, oder dem allwissenden Erzähler. Letzterer ist zurecht aus der Mode gekommen, weil er die Versuchung fördert, als Autor immer wieder ungefragt aus der Geschichte hervorzuragen oder gar einen der gefürchteten Filibuster zu vollbringen. Der Vorteil des Erzählens aus einer Sicht ist eindeutig der, daß zur Not auch die Perspektive einer anderen Figur angenommen werden kann, z.B. um Geschehnisse abseits des hauptsächlichen Erzählcharakters wiederzugeben, ohne einen zu großen Bruch zu vollführen.
Ungeachtet der Wahl der Perspektive, kann es sich bei dem Erzähler um einen "unzuverlässigen Erzähler" handeln. Er gibt dem Leser nicht alle Fakten, und er gibt sie nicht unbedingt der Wahrheit entsprechend wieder, weil er seine eigenen Absichten hat, die wir zunächst nicht kennen. Das ist unterhaltsam und gemein, muß aber auf alle Fälle im Erzähler motiviert sein. Ein Beispiel wäre der klassische Wahnsinnige, der seine Geschichte erzählt, und dessen Wahnsinn wir erst im letzten Moment auf die Spur kommen. Reizvoll ist diese Variante gerade in Verbindung mit dem "Du-Erzähler", da diese Kombination den Leser zum Komplizen macht, wenn der Autor die Kombination erfolgreich durchführt.
Schreiben, Schreiben, Schreiben!
Der Prozeß ist schwer erklärbar, Sie werden ihn verstanden haben, wenn Sie eine Erstfassung eines narrativen Textes abgeschlossen und zur Seite gelegt haben. Sie werden feststellen, daß Sie gewachsen sind, da Sie die Weite, die in Ihnen ist, endlich auch erfahren und bereist haben. Schreiben, Schreiben, Schreiben bedeutet:
Von vorne nach hinten! Sie beginnen mit dem ersten Satz und schreiben Ihren Text herunter, bis Sie "Ende" tippen können. Sie werden nicht Szene 15 schreiben, dann Szene 19, schließlich 11. Sie schreiben die Sache herunter. "Ich schreib erstmal die spannenden Sachen, nachher dann die füllenden Szenen." Ja, das habe ich schon gehört und antworte dann: "Filler" sind Fett. Jede Szene ist spannend oder interessant. Ist sie es nicht, dann werfen Sie sie raus.
Nicht berichtigen! Schreiben heißt Schreiben, nicht korrigieren! Von Interesse sind immer die jetzigen und folgenden Absätze. Sie gehen nicht zurück, um Kleinigkeiten zu korrigieren (""sandfarben" zu "beige" ändern oder umgekehrt), Sie schreiben weiter. Jeden Tag X Wörter. Bleiben Sie im Flow. Sie schreiben jetzt Ihre Geschichte, korrigiert wird sie im zweien Durchgang.
Das Bedürfnis des "Gleich-Korrigierens" ist ein Warnzeichen einer Schreibblockade, geben Sie ihm nicht nach! Sie verbringen sonst den Rest Ihres Lebens in einer Endlosschleife, in der Sie immer und immer wieder die Szenen 1 bis 3 schreiben; jedesmal besser, nie gut genug!
Nicht Verbessern. Manchmal äußert sich die Blockade auch in Vorschlägen Ihres Verstandes, wie Sie das bereits Geschriebene im Rahmen einer "Verbesserung" des Ganzen ändern könnten. Meistens ist es nur Verzögerungstaktik des Feiglings in Ihnen, der Sie in die Endlosschleife der Korrekturen-beim-Schreiben drängen will. Schreiben heißt Schreiben, nicht Korrigieren. Weiterschreiben! Wenn Sie wirklich überzeugt sind, eine Verbesserung zu wissen, notieren Sie auch diese auf dem Zettel für den zweiten Durchgang. Taugt sie wirklich was, hält Sie sich dort frisch.
Notwendige Änderungen: Manchmal ist tatsächlich eine rückwirkende Korrektur notwendig, wenn Sie z.B. feststellen, sich mit einer Entscheidung in die "Ecke" geschrieben zu haben, z.B. weil der Protagonist dadurch unglaubwürdig geworden ist. In diesem Falle gehen Sie NICHT zurück und korrigieren, sondern machen einen entsprechenden Vermerk in eine Liste, die Sie im zweiten Durchgang verwenden werden. Schreiben Sie weiter mit der korrigierten Fassung im Kopf.
Selbstzweifel ignorieren. Der schrecklichste Teil des Prozesses ist die Angst, sich in Banalität zu verlieren. Es gibt kein Patentrezept gegen diese Angst, außer mehr zu schreiben. Wenn diese Gefühle (nicht "falls"; wenn!) Sie befallen, müssen Sie sich an den Pakt erinnern, den Sie eingegangen sind und es durchbeißen. Schreiben Sie weiter, der Flow ebbt sonst ab, und wer weiß, ob und wann die nächste Welle kommt.
Andere Ideen kommen aus der selben feigen Ecke Ihres Verstandes wie "Selbstzweifel" und "Verbesserungen". Es eine plötzlich auftretende Idee für eine andere Geschichte, die viel besser ist als das, woran Sie gerade arbeiten. Falls diese neue Idee Sie wirklich plagt, notieren Sie sie, irgendwann können Sie sich Ihr widmen. Aber JETZT arbeiten Sie an DIESER Geschichte hier.
Bleiben Sie dran! Schreiben Sie. Bleiben Sie im Prozeß, reiten Sie den Wal. Das klingt wie ein Aufmunterungsseminar, ich weiß, ist es aber nicht. Die meisten Schreiberlinge können von ihrer eigenen Erfahrung des Prozesses nicht kohärent berichten, auch wenn es an Versuchen nicht mangelt. Es ist eine Black Box voller Begeisterung, Qual und unendlichen Möglichkeiten, der Sie schließlich blutüberströmt entsteigen, mit blitzenden Augen, die Blätter Ihrer Erstfassung, die endlich fertig ist, in Ihren Zähnen. Sie sind Gott!
Okay. Legen Sie Ihre Erstfassung für ein, zwei Tage in die Schublade. Rühren Sie sie nicht an. Wenn Sie sie als nächstes hervorholen, werden Sie daran arbeiten. Schreiben ist Freude, Fertigstellen ist Arbeit. Wir sehen uns bei Teil IV zum Schleifen von Struktur und Sprache. Bis dahin.S
Anmerkung für Rollenspieler: Am Tisch sind diese Einblicke natürlich wertlos. Aber viele Designer schalten - sowohl bei Abenteuermodulen als auch bei Regelbüchern - in den Autorenmodus und schreiben manchmal eben auch Kurzgeschichten. Dabei fiel mir in der Vergangenheit (zuletzt gestern) auf, daß die narrativen Texte in Splatbooks gelegentlich von einer strukturierten Herangehensweise profitieren können. Daher habe ich dann den dritten Teil auch unter dem Label "Rollenspiel" über RSPblogs.de gehen lassen, vielleicht hilft es dem einen oder anderen, der aus der RSP-Ecke kommt.
Okay, Sie sind fast soweit. Zentraler Konflikt? Check! Hauptfigur? Check! Plotablauf? Check! Halt, das ist vielleicht etwas voreilig. Haben Sie ihren Plot in szenischen Stichworten auf Karteikärtchen geschrieben, eines pro Szene? Dann schieben Sie die Kärtchen noch ein bißchen umher, vielleicht ist eine andere Reihenfolge besser. Wenn Sie die ideale Reihenfolge gefunden haben, fixieren Sie sie an einer Pinnwand. Dann nochmal: Plotablauf? Check!
Der Prozeß - nicht nach Kafka (oder doch?)
Wenn die leere Seite vor Ihnen auf dem Bildschirm aufflammt und auf den ersten Satz Ihrer Geschichte wartet, hat eine Reise ohne Umkehr begonnen. Das Schreiben einer Erzählung ist ein Prozeß voller Regelmäßigkeit. Voraussetzungen um in diesen Prozeß zu kommen sind ein Ziel, eine Zeit.
Setzen Sie sich ein realistisches Pensum, das es täglich zu bewältigen gilt. Wenn Sie nebenbei schreiben und einen Job haben sagen Sie 300, 400 oder max. 500 Wörter täglich, die Sie schreiben wollen/müssen (!!). Sie haben Urlaub? 1200 klingt realistisch. Sie können auf diese Weise abschätzen, wie lange Sie für den Erstentwurf Ihrer Geschichte (sie wird irgendwo zwischen 5000 bis 15.000 Wörtern landen) brauchen werden.
Sie schreiben täglich. Sie müssen täglich schreiben. Sie haben ein Pensum. Schreiben erfordert ungestörtes Arbeiten. Ihr Umfeld (Familie) weiß das, man wird Sie in dieser Zeit ungestört lassen wie einen 500kg-Blindgänger aus dem letzten Krieg. Sie selbst müssen sich abschotten; kein Facebook, keine Tweets, keine Besuche auf ihren bevorzugten Seiten. Falls Sie sich überhaupt Internetzugang erlauben, dann ALLEINE zum Zwecke der Recherche für Ihre Geschichte. Haben Sie soviel Disziplin?
Wenn das Umfeld also entsprechend vorgewarnt ist, und Sie sich Ihrer selbsteingegangenen Verpflichtung klargeworden sind, dann geht es daran, die Geschichte aufzuschreiben. Erschaffen haben Sie sie ja mit dem Plotplan schon.
Und hinein...
Der erste Satz sollte Ihnen sehr leicht fallen, wenn Sie Ihre Vorbereitungen erledigt und den inneren Horror vor dem Prozeß selbst erst einmal abgelegt haben. Danach folgt der erste Absatz. Ehe Sie es bemerken sind Sie im Prozeß.
Wenn Du Dir eine 38er Lauf voran in den Mund schiebst, wird es nach dem Knacken des Hahnspannens seltsam ruhig um Dich und die Nacht schließt Dich ein. Im Mund hast Du einen Geschmack nach Waffenöl, Pulverresten und vor allem Metall, eine Mischung, die wie der Kupfergeschmack von Blut in Dich schneidet. Deine Sinne schärfen sich, und während die Dunkelheit sich um Dich zu drängen beginnt, kannst Du sie gleichsam transzendieren. Aber da ist nichts mehr. Das Atmen Deines Sohns im tiefen Schlummer des Achtjährigen ist für Dich verstummt, selbst der Schatten Deiner Frau, sonst ein steter Begleiter, wispert nicht mehr.Das ist hier am Rechner gerade runtergehackt, kein Blick zurück, keine Korrekturen. Einfach schreiben. Das ist die Exposition, die zum Plot gehört, den ich im letzten Teil als Beispiel aus dem Ärmel geschüttelt hatte. Den Lehrer habe ich ad hoc in einen Waffenhändler umgewandelt, weil mir der trinkende Lehrer als Klischee zu präsent ist. Das sind ~300 Wörter, bei einer Geschichte, die auf ca. 6000 Wörter angelegt ist. Mehr als 5% bis 10% sollte eine Exposition nicht umfassen.
Dein Universum hält den Atem an. Du bist Mitte Vierzig. Du hast einen Revolver im Mund und der Cognac im Glas bricht das Licht der Schreibtischlampe mit seinem Bernstein.
Wenn der Hahn ein zweites Mal knackt, wenn Du ihn entspannst, dann kehrt alles zurück. Die Dunkelheit jenseits des Schreibtischlichts ist wieder durchzogen von den Lauten des Lebens. Wie jeden Abend legst Du ihn vor Dich auf den Tisch, während Deine Hand wie ein Schlafwandler den Cognacschwenker findet. Das Metall glänzt mit öliger Schwärze. Ein Konkurrenzprodukt. Natürlich, Du hast ein Konkurrenzprodukt aus dem Waffenschrank geholt, ausgerechnet an dem Abend, als Du es beinahe wirklich getan hättest.
Deine Hände zittern.
Du gießt nach. Und runter damit. Plötzlich zerreißt ein Schrei die Stille, Dein Sohn hat einen Alptraum. Du wirfst die Waffe in die Schreibtischschublade und hastest aus dem Arbeitszimmer ans andere Ende des Korridors und lugst durch den Türspalt. Der Junge schläft, das siehst Du im Nachtlicht, sein kleines Gesicht ist verschwitzt. Er ist unruhig. Du schwankst zum Bett und birgst ihn in Deinen Armen, sachte, ihn nicht zu wecken, stark genug, die Finsternis aus ihm zu vertreiben. Sein Atem beruhigt sich, er wacht nicht auf, fragt nicht Deinem Atem.
Gott zeigt manchmal Gnade.
- Ein suizidaler Protagonist, der zwischen Selbstmord durch Waffe und Selbstmord durch Alkohol schwankt.
- Er ist alleinstehend, die Vermutung "Witwer" ist naheliegend.
- Er ist Mitte vierzig.
- Er ist psychisch ziemlich weit unten.
- Er ist Waffenhändler oder -produzent ("Konkurrenzprodukt").
- Er hat ein Kind, das ihm etwas (wie viel?) bedeutet.
- Er nennt das Kind nicht beim Namen, auch nicht bei einem Kosenamen ("Der Junge").
- Der Junge leidet unter Alpträumen, denn der Schrei ist vom Erzähler sofort dahingehend zugeordnet worden.
- Das Gottesbild des Protagonisten ist kein gnädiges ("zeigt manchmal Gnade"), aber es ist wohl vorhanden.
Perspektive
Der Text wendet sich mit einem "Du" in vertraulicher Art und Weise an den Leser. Das kann gutgehen, wenn sich z.B. der Charakter einer Beichte ergibt, wie sie sich manchmal zu vorgerückter Stunde zwischen relativ Fremden ereignet. Die Perspektive aus der zweiten Person Singular hat viel mit der Ich-Erzählung gemein, schafft aber, den richtigen Stoff mit der richtigen Behandlung vorausgesetzt, mehr Intimität zwischen Leser und Erzähler. In beiden Fällen jedoch kann nur erzählt werden, was der Hauptcharakter / Erzähler erlebt oder erfährt. Die Ich-Erzählung wirkt dabei oft sehr einfach zu handhaben, ist es aber nicht (ungeachtet der Schwerelosigkeit, mit der Chandler oder Salinger diese Form meistern).
Die traditionellere Form der Erzählung ist die in der dritten Person. Hier muß man sich entscheiden zwischen dem personalen Erzählen, d.h. aus Sicht einer Figur, oder dem allwissenden Erzähler. Letzterer ist zurecht aus der Mode gekommen, weil er die Versuchung fördert, als Autor immer wieder ungefragt aus der Geschichte hervorzuragen oder gar einen der gefürchteten Filibuster zu vollbringen. Der Vorteil des Erzählens aus einer Sicht ist eindeutig der, daß zur Not auch die Perspektive einer anderen Figur angenommen werden kann, z.B. um Geschehnisse abseits des hauptsächlichen Erzählcharakters wiederzugeben, ohne einen zu großen Bruch zu vollführen.
Ungeachtet der Wahl der Perspektive, kann es sich bei dem Erzähler um einen "unzuverlässigen Erzähler" handeln. Er gibt dem Leser nicht alle Fakten, und er gibt sie nicht unbedingt der Wahrheit entsprechend wieder, weil er seine eigenen Absichten hat, die wir zunächst nicht kennen. Das ist unterhaltsam und gemein, muß aber auf alle Fälle im Erzähler motiviert sein. Ein Beispiel wäre der klassische Wahnsinnige, der seine Geschichte erzählt, und dessen Wahnsinn wir erst im letzten Moment auf die Spur kommen. Reizvoll ist diese Variante gerade in Verbindung mit dem "Du-Erzähler", da diese Kombination den Leser zum Komplizen macht, wenn der Autor die Kombination erfolgreich durchführt.
Schreiben, Schreiben, Schreiben!
Der Prozeß ist schwer erklärbar, Sie werden ihn verstanden haben, wenn Sie eine Erstfassung eines narrativen Textes abgeschlossen und zur Seite gelegt haben. Sie werden feststellen, daß Sie gewachsen sind, da Sie die Weite, die in Ihnen ist, endlich auch erfahren und bereist haben. Schreiben, Schreiben, Schreiben bedeutet:
Von vorne nach hinten! Sie beginnen mit dem ersten Satz und schreiben Ihren Text herunter, bis Sie "Ende" tippen können. Sie werden nicht Szene 15 schreiben, dann Szene 19, schließlich 11. Sie schreiben die Sache herunter. "Ich schreib erstmal die spannenden Sachen, nachher dann die füllenden Szenen." Ja, das habe ich schon gehört und antworte dann: "Filler" sind Fett. Jede Szene ist spannend oder interessant. Ist sie es nicht, dann werfen Sie sie raus.
Nicht berichtigen! Schreiben heißt Schreiben, nicht korrigieren! Von Interesse sind immer die jetzigen und folgenden Absätze. Sie gehen nicht zurück, um Kleinigkeiten zu korrigieren (""sandfarben" zu "beige" ändern oder umgekehrt), Sie schreiben weiter. Jeden Tag X Wörter. Bleiben Sie im Flow. Sie schreiben jetzt Ihre Geschichte, korrigiert wird sie im zweien Durchgang.
Das Bedürfnis des "Gleich-Korrigierens" ist ein Warnzeichen einer Schreibblockade, geben Sie ihm nicht nach! Sie verbringen sonst den Rest Ihres Lebens in einer Endlosschleife, in der Sie immer und immer wieder die Szenen 1 bis 3 schreiben; jedesmal besser, nie gut genug!
Nicht Verbessern. Manchmal äußert sich die Blockade auch in Vorschlägen Ihres Verstandes, wie Sie das bereits Geschriebene im Rahmen einer "Verbesserung" des Ganzen ändern könnten. Meistens ist es nur Verzögerungstaktik des Feiglings in Ihnen, der Sie in die Endlosschleife der Korrekturen-beim-Schreiben drängen will. Schreiben heißt Schreiben, nicht Korrigieren. Weiterschreiben! Wenn Sie wirklich überzeugt sind, eine Verbesserung zu wissen, notieren Sie auch diese auf dem Zettel für den zweiten Durchgang. Taugt sie wirklich was, hält Sie sich dort frisch.
Notwendige Änderungen: Manchmal ist tatsächlich eine rückwirkende Korrektur notwendig, wenn Sie z.B. feststellen, sich mit einer Entscheidung in die "Ecke" geschrieben zu haben, z.B. weil der Protagonist dadurch unglaubwürdig geworden ist. In diesem Falle gehen Sie NICHT zurück und korrigieren, sondern machen einen entsprechenden Vermerk in eine Liste, die Sie im zweiten Durchgang verwenden werden. Schreiben Sie weiter mit der korrigierten Fassung im Kopf.
Selbstzweifel ignorieren. Der schrecklichste Teil des Prozesses ist die Angst, sich in Banalität zu verlieren. Es gibt kein Patentrezept gegen diese Angst, außer mehr zu schreiben. Wenn diese Gefühle (nicht "falls"; wenn!) Sie befallen, müssen Sie sich an den Pakt erinnern, den Sie eingegangen sind und es durchbeißen. Schreiben Sie weiter, der Flow ebbt sonst ab, und wer weiß, ob und wann die nächste Welle kommt.
Andere Ideen kommen aus der selben feigen Ecke Ihres Verstandes wie "Selbstzweifel" und "Verbesserungen". Es eine plötzlich auftretende Idee für eine andere Geschichte, die viel besser ist als das, woran Sie gerade arbeiten. Falls diese neue Idee Sie wirklich plagt, notieren Sie sie, irgendwann können Sie sich Ihr widmen. Aber JETZT arbeiten Sie an DIESER Geschichte hier.
Bleiben Sie dran! Schreiben Sie. Bleiben Sie im Prozeß, reiten Sie den Wal. Das klingt wie ein Aufmunterungsseminar, ich weiß, ist es aber nicht. Die meisten Schreiberlinge können von ihrer eigenen Erfahrung des Prozesses nicht kohärent berichten, auch wenn es an Versuchen nicht mangelt. Es ist eine Black Box voller Begeisterung, Qual und unendlichen Möglichkeiten, der Sie schließlich blutüberströmt entsteigen, mit blitzenden Augen, die Blätter Ihrer Erstfassung, die endlich fertig ist, in Ihren Zähnen. Sie sind Gott!
Okay. Legen Sie Ihre Erstfassung für ein, zwei Tage in die Schublade. Rühren Sie sie nicht an. Wenn Sie sie als nächstes hervorholen, werden Sie daran arbeiten. Schreiben ist Freude, Fertigstellen ist Arbeit. Wir sehen uns bei Teil IV zum Schleifen von Struktur und Sprache. Bis dahin.S
Anmerkung für Rollenspieler: Am Tisch sind diese Einblicke natürlich wertlos. Aber viele Designer schalten - sowohl bei Abenteuermodulen als auch bei Regelbüchern - in den Autorenmodus und schreiben manchmal eben auch Kurzgeschichten. Dabei fiel mir in der Vergangenheit (zuletzt gestern) auf, daß die narrativen Texte in Splatbooks gelegentlich von einer strukturierten Herangehensweise profitieren können. Daher habe ich dann den dritten Teil auch unter dem Label "Rollenspiel" über RSPblogs.de gehen lassen, vielleicht hilft es dem einen oder anderen, der aus der RSP-Ecke kommt.
Dienstag, 28. Februar 2012
Writing 101: Kurzgeschichten Teil II
(Es gibt natürlich einen Teil I, und alle W101-Beiträge finden sich hier.)
Wie versprochen nun der II. Teil zum Thema "Kurzgeschichten schreiben". Eine grobe Definition und das Finden des Stoffes habe ich ja schon im ersten Teil geposted, nun also geht an die Umsetzung. Zuvor aber noch ein Wort zu einigen Feedbacks, die ich bekommen habe, und die sich wie folgt paraphrasieren lassen: "Och ne, nicht Kurzgeschichte. Ich will einen Roman schreiben." Wer nicht? Tatsache: Ein Roman ist eine Herkulesarbeit, er braucht Muskeln und Disziplin. Beides zu trainieren, darum geht es bei der Kurzgeschichte, selbst wenn man sie nicht mag. Und Sie können Ihre Feder / Textverarbeitung an verschiedenen Genres testen.
Plot vs. Story
Viele schreiben eine schöne Schilderung, eine Charakterisierung, einen Dialog vielleicht oder auch eine Anekdote, sind stolz darauf (oft sogar zu recht) und veröffentlichen auf ihrer Website als "Kurzgeschichte". Daneben. Das sind Formen von Kurzprosa, keines davon ist eine Kurzgeschichte.
Eine Kurzgeschichte hat eine Handlung, einen Plot. Plot unterscheidet sich von Story dadurch, daß er nicht chronologisch sein muß, aber dafür Kausalität und Kontext herstellt. Story hingegen reiht nur Ereignisse. Ein sehr altes Beispiel:
Der initiale Vorentwurf
Eine Kurzgeschichte benötigt einen engen Fokus. Mag ein Roman hunderte Jahre und ganze Kontinente umspannen mit Dutzenden wichtigen Charakteren, haben Sie hier den Platz nicht. Konzentrieren Sie sich auf einen Konflikt (d.h. auf ein bewußtes oder unbewußtes Ziel des Hauptcharakters, das er nur durch die Überwindung von Hindernissen erreichen kann), der während der Geschichte gelöst wird. Beschränken Sie sich auf ein oder zwei Charaktere und ein oder zwei Schauplätze.
Der Konflikt ist das wesentliche Element der Kurzgeschichte. Daher muß er den Leser interessieren und mit einer Überraschung aufgelöst werden. Das bedeutet nicht, daß er umfallend originell sein muß, welterschütternd oder von tiefster Bedeutung. Nein, eine der bekanntesten Kurzgeschichten ist Ernest Hemingways A Day's Wait, das im Grunde genommen nur ein banales Mißverständnis schildert. Der letzte Satz indes ("The hold over himself relaxed too, finally, and the next day it was very slack and he cried very easily at little things that were of no importance.") zeigt, daß die Auswirkungen alles andere als banal waren.
Die Handlung einer Kurzgeschichte mag trivial erscheinen, bei einer guten Kurzgeschichte sind es das Thema, der eigentliche Stoff aber nicht. Hemingways lakonischer Zweiseiter arbeitet mit den Themen des heroischen Fatalismus im Angesicht des sicher scheinenden Todes und der Fremdheit zwischen nahen Menschen, die trotz Redens nicht kommunizieren können.
Aaaaaaalso: Es interessiert Sie genug, darüber schreiben zu wollen. Das ist ein Riesenschritt, das ist ein Haufen Arbeit. Das nehmen Sie auf sich, weil Ihnen der Stoff interessant erscheint. Jede Wette, da draußen sitzen einige, die finden es dann interessant genug, sich die Viertelstunde zum Lesen zu nehmen. Punkt.
Charaktere
Ob man mit der Plotplanung oder der Gestaltung des Hauptcharakters anfängt ist letztlich eine persönliche Sache. Ich fange meist mit einer vagen Vorstellung, eher einem Gefühl an, in welche Richtung der Plot gehen soll. Dann erschaffe ich den Hauptcharakter und ggf. auch schon den Antagonisten im Detail. Auf diese Weise fällt es mir leichter, den Plot zu bauen, denn wenn ich die Charaktere gut erschaffen habe, dann diktieren die mir den schon (falls Sie das nicht verstehen: Warten Sie es ab, es offenbart sich im Prozeß.)
In der Kürze der Form liegt begründet, daß der Leser nur sehr wenig von den Charakteren, auch vom Hauptcharakter erfahren wird.
Plotplanung
Sie haben die Plotidee, den zentralen Konflikt, den Protagonisten. Zeit, den Plot zu planen. Wie genau Sie das machen, ist wirklich Typsache. Manche bauen einen Plan von 15 Seiten für 3 Seiten Geschichte. Andere (wie ich) fixieren überhaupt nichts schriftlich oder allenfalls einige Worte. Aber geplant werden muß die Geschichte, alleine schon, um zu wissen, wo sie hingeht. Ich will daher kurz die Struktur beleuchten.
Nehmen wir einen alleinerziehenden Lehrer mit einem Alkoholproblem. Er kann es noch vor anderen verheimlichen, aber es er weiß es, und er will trocken werden. Wie kann man in einer kurzen Szene all diese Fakten unterbringen?
Im Mittelteil der Geschichte bauen wir die Spannung auf. Wir haben den "Helden" / Hauptcharakter / Protagonisten und sein Verlangen kennengelernt. Im Mittelteil nun versucht er dieses Verlangen zu stillen. Dabei stellen sich ihm die gegenläufigen Anstrengungen des Antagonisten in den Weg. Dies können tatsächliche andere Charaktere sein, Kräfte der Natur oder auch innere Widerstände (der Antagonist des Trinker-Lehrers ist definitiv er selbst). Weitere Charaktere und Kräfte unterstützen den Helden (die gesperrte Kreditkarte, die verhindert, daß er Alkohol erwirbt), andere arbeiten gegen ihn (der Barkeeper, der seinem guten Kunden eben einen ausgibt und ausnahmsweise anschreibt, ohne es böse zu meinen).
Vor dem Höhepunkt / der Entscheidung sollte der Protagonist beim ersten Versuch der Überwindung des zentralen Hindernisses scheitern. In unserem Beispiel erliegt der Lehrer einmal mehr seiner Trunksucht. Hier haben wir auch die Gelegenheit, den Einsatz zu erhöhen, den diesmal dekompensiert die Sucht, die er solange verborgen hat. Der Lehrer wird polizeiauffällig, verliert für drei Monate den Führerschein und jetzt auf einmal sind auch noch Sorgerecht fürs Kind und der Job bedroht.
Nach diesem Rückschlag erreichen wir den Höhepunkt. Hier wird der Konflikt entschieden. Nein, es muß nicht gut ausgehen. Aber es muß die Entscheidung fallen, zum Guten oder zum Bösen. Unser Lehrer kommt aus der Ausnüchterungszelle (also nach dem ersten Scheitern) nach Hause und findet seinen Sohn im Koma / tot / schwer verletzt. Der Junge (8 Jahre alt) hat ohne Aufsicht Reinigungsmittel getrunken / das Jagdgewehr gefunden oder sich auf andere Art und Weise schwer verletzt, die nicht passiert wäre, hatte der Trinker sich verhalten wie ein plichtbewußter Vater. Den Leser trifft das ebenso wie den Vater sehr überraschend. Hier entscheidet sich der Konflikt: Stirbt das Kind? Überlebt es? Ist das der Anlaß für den Vater, trocken zu werden oder erschießt er sich mit der Ladung im zweiten Lauf des Gewehres und wird tot neben seinem Sohn gefunden? Egal wie, hier löst sich die Geschichte auf.
(Anmerkung: Nein, die Geschichte mit dem Lehrer ist nicht sonderlich gut. Ich habe sie beim Schreiben dieses Textes nebenbei erfunden, der Lehrer hat nicht mal einen Namen. Aber sie spiegelt die Struktur und das ist gut so. Ich werde sehen, ob ich nebenbei die Zeit finde, was draus zu machen, das die weiteren Schritte illustriert.)
Bis dahin.
Wie versprochen nun der II. Teil zum Thema "Kurzgeschichten schreiben". Eine grobe Definition und das Finden des Stoffes habe ich ja schon im ersten Teil geposted, nun also geht an die Umsetzung. Zuvor aber noch ein Wort zu einigen Feedbacks, die ich bekommen habe, und die sich wie folgt paraphrasieren lassen: "Och ne, nicht Kurzgeschichte. Ich will einen Roman schreiben." Wer nicht? Tatsache: Ein Roman ist eine Herkulesarbeit, er braucht Muskeln und Disziplin. Beides zu trainieren, darum geht es bei der Kurzgeschichte, selbst wenn man sie nicht mag. Und Sie können Ihre Feder / Textverarbeitung an verschiedenen Genres testen.
Plot vs. Story
Viele schreiben eine schöne Schilderung, eine Charakterisierung, einen Dialog vielleicht oder auch eine Anekdote, sind stolz darauf (oft sogar zu recht) und veröffentlichen auf ihrer Website als "Kurzgeschichte". Daneben. Das sind Formen von Kurzprosa, keines davon ist eine Kurzgeschichte.
Eine Kurzgeschichte hat eine Handlung, einen Plot. Plot unterscheidet sich von Story dadurch, daß er nicht chronologisch sein muß, aber dafür Kausalität und Kontext herstellt. Story hingegen reiht nur Ereignisse. Ein sehr altes Beispiel:
- Der König starb, und dann starb die Königin. - Story
- Der König starb, und die Königin starb dann an gebrochenem Herzen. Plot, es existieren Kontext und Kausalität.
- Die Königin starb. Die Höflinge wußten, sie hatte den Tod des Königs nicht verwunden. - Plot, wir erfahren von den Ereignissen in umgekehrter Reihenfolge.
Sie haben schon einen ungefähren Plot und einen Charakter? Sehr gut, machen Sie zwei, drei Sätze Notizen. Dann nehmen Sie Ihr Material und gehen Sie damit die nachfolgenden Schritte durch, um es arbeitsfähig zu strukturieren.
Der initiale Vorentwurf
Eine Kurzgeschichte benötigt einen engen Fokus. Mag ein Roman hunderte Jahre und ganze Kontinente umspannen mit Dutzenden wichtigen Charakteren, haben Sie hier den Platz nicht. Konzentrieren Sie sich auf einen Konflikt (d.h. auf ein bewußtes oder unbewußtes Ziel des Hauptcharakters, das er nur durch die Überwindung von Hindernissen erreichen kann), der während der Geschichte gelöst wird. Beschränken Sie sich auf ein oder zwei Charaktere und ein oder zwei Schauplätze.
Der Konflikt ist das wesentliche Element der Kurzgeschichte. Daher muß er den Leser interessieren und mit einer Überraschung aufgelöst werden. Das bedeutet nicht, daß er umfallend originell sein muß, welterschütternd oder von tiefster Bedeutung. Nein, eine der bekanntesten Kurzgeschichten ist Ernest Hemingways A Day's Wait, das im Grunde genommen nur ein banales Mißverständnis schildert. Der letzte Satz indes ("The hold over himself relaxed too, finally, and the next day it was very slack and he cried very easily at little things that were of no importance.") zeigt, daß die Auswirkungen alles andere als banal waren.
Die Handlung einer Kurzgeschichte mag trivial erscheinen, bei einer guten Kurzgeschichte sind es das Thema, der eigentliche Stoff aber nicht. Hemingways lakonischer Zweiseiter arbeitet mit den Themen des heroischen Fatalismus im Angesicht des sicher scheinenden Todes und der Fremdheit zwischen nahen Menschen, die trotz Redens nicht kommunizieren können.
SCHREIBEN SIE AUF: Den zentralen Konflikt und seine (überraschende Auflösung). Machen Sie sich jetzt noch keine Gedanken um die Struktur, die ansteigende Spannung etc. Ignorieren Sie die tiefere Bedeutung der Themen die sich in diesem Plot offenbaren soll. Wählen Sie einen Konflikt, der Ihnen bedeutsam erscheint und den Sie schreiben wollen. Nageln Sie einfach nur diesen Konflikt punktgenau aufs Papier. Das ist schwer genug.Vermutlich, als Schreibneuling, wird Sie hier der erste Selbstzweifel anfallen: "Was ich zu schreiben habe, das interessiert keine Sau." Das sind nicht Sie. Das ist nur der kleine Mann bzw. die kleine Frau in Ihnen, die Ihnen mal wieder ausreden will, den Kopf zu heben. Schön unten bleiben, schön konform, nicht auffallen, Du kannst sowieso nix. Treten Sie ihr/ihm bitte kräftig in den Arsch.
Aaaaaaalso: Es interessiert Sie genug, darüber schreiben zu wollen. Das ist ein Riesenschritt, das ist ein Haufen Arbeit. Das nehmen Sie auf sich, weil Ihnen der Stoff interessant erscheint. Jede Wette, da draußen sitzen einige, die finden es dann interessant genug, sich die Viertelstunde zum Lesen zu nehmen. Punkt.
Charaktere
Ob man mit der Plotplanung oder der Gestaltung des Hauptcharakters anfängt ist letztlich eine persönliche Sache. Ich fange meist mit einer vagen Vorstellung, eher einem Gefühl an, in welche Richtung der Plot gehen soll. Dann erschaffe ich den Hauptcharakter und ggf. auch schon den Antagonisten im Detail. Auf diese Weise fällt es mir leichter, den Plot zu bauen, denn wenn ich die Charaktere gut erschaffen habe, dann diktieren die mir den schon (falls Sie das nicht verstehen: Warten Sie es ab, es offenbart sich im Prozeß.)
In der Kürze der Form liegt begründet, daß der Leser nur sehr wenig von den Charakteren, auch vom Hauptcharakter erfahren wird.
- Aussehen
- Seine markanten Wesenszüge - hier gilt "Zeigen, nicht schwafeln". Sollte er ein Witzbold sein, sagen Sie das nicht, lassen Sie ihn mit einer urkomischen Bemerkung beginnen. Mehr noch als in anderen Formen gilt hier: Taten definieren einen Charakter.
- Seine Sprechart - Zum Dialogschreiben kommen wir noch, aber es ist wichtig, daß Dialog nicht reines Plot-Geschwafel ist. Zumindest der Hauptcharakter sollte eine unterscheidbare Stimme haben.
Plotplanung
Sie haben die Plotidee, den zentralen Konflikt, den Protagonisten. Zeit, den Plot zu planen. Wie genau Sie das machen, ist wirklich Typsache. Manche bauen einen Plan von 15 Seiten für 3 Seiten Geschichte. Andere (wie ich) fixieren überhaupt nichts schriftlich oder allenfalls einige Worte. Aber geplant werden muß die Geschichte, alleine schon, um zu wissen, wo sie hingeht. Ich will daher kurz die Struktur beleuchten.
Caveat - Ab hier gibt es kein Zurück!!! Sie werden sich nicht sagen: "Ich mach das mal, und wenn ich der Meinung bin, das wird nix, dann laß ich es wieder." Nope. Njet. Zilch. Gilt nicht. Irgendwann während der Arbeit werden Sie auf alle Fälle sagen: Das wird nix. Und mit einer Ausstiegsklausel im Kopf werden Sie dann aufhören. Das ist wieder der kleine Mann / die kleine Frau von oben. Hören Sie nicht hin - die haben keine Ahnung vom Schreiben, oder ob Ihr Zeug was taugt. Sie haben keine Ahnung im Moment, ob es was taugt. Sie werden beginnen, die Qualität einschätzen zu können, wenn Sie die zweite Fassung erstellt haben und nicht vorher.Die Geschichte hat einen Anfang, ein Set-Up. Führen Sie den Konflikt ein, den Hauptcharakter, das Setting. Tun Sie das kurz (das war mal bekannt als "Gebot des gedrängten Anfangs"). Einem Roman verzeiht man (vielleicht) ein breites, strömendes Hineingleiten, in einer Kurzgeschichte gleicht das dem Röcheln eines Erstickenden. Knallhart, kurz, informativ. Lesen Sie ein paar Kurzgeschichten, analysieren Sie deren Anfänge.
Nehmen wir einen alleinerziehenden Lehrer mit einem Alkoholproblem. Er kann es noch vor anderen verheimlichen, aber es er weiß es, und er will trocken werden. Wie kann man in einer kurzen Szene all diese Fakten unterbringen?
Im Mittelteil der Geschichte bauen wir die Spannung auf. Wir haben den "Helden" / Hauptcharakter / Protagonisten und sein Verlangen kennengelernt. Im Mittelteil nun versucht er dieses Verlangen zu stillen. Dabei stellen sich ihm die gegenläufigen Anstrengungen des Antagonisten in den Weg. Dies können tatsächliche andere Charaktere sein, Kräfte der Natur oder auch innere Widerstände (der Antagonist des Trinker-Lehrers ist definitiv er selbst). Weitere Charaktere und Kräfte unterstützen den Helden (die gesperrte Kreditkarte, die verhindert, daß er Alkohol erwirbt), andere arbeiten gegen ihn (der Barkeeper, der seinem guten Kunden eben einen ausgibt und ausnahmsweise anschreibt, ohne es böse zu meinen).
Vor dem Höhepunkt / der Entscheidung sollte der Protagonist beim ersten Versuch der Überwindung des zentralen Hindernisses scheitern. In unserem Beispiel erliegt der Lehrer einmal mehr seiner Trunksucht. Hier haben wir auch die Gelegenheit, den Einsatz zu erhöhen, den diesmal dekompensiert die Sucht, die er solange verborgen hat. Der Lehrer wird polizeiauffällig, verliert für drei Monate den Führerschein und jetzt auf einmal sind auch noch Sorgerecht fürs Kind und der Job bedroht.
Nach diesem Rückschlag erreichen wir den Höhepunkt. Hier wird der Konflikt entschieden. Nein, es muß nicht gut ausgehen. Aber es muß die Entscheidung fallen, zum Guten oder zum Bösen. Unser Lehrer kommt aus der Ausnüchterungszelle (also nach dem ersten Scheitern) nach Hause und findet seinen Sohn im Koma / tot / schwer verletzt. Der Junge (8 Jahre alt) hat ohne Aufsicht Reinigungsmittel getrunken / das Jagdgewehr gefunden oder sich auf andere Art und Weise schwer verletzt, die nicht passiert wäre, hatte der Trinker sich verhalten wie ein plichtbewußter Vater. Den Leser trifft das ebenso wie den Vater sehr überraschend. Hier entscheidet sich der Konflikt: Stirbt das Kind? Überlebt es? Ist das der Anlaß für den Vater, trocken zu werden oder erschießt er sich mit der Ladung im zweiten Lauf des Gewehres und wird tot neben seinem Sohn gefunden? Egal wie, hier löst sich die Geschichte auf.
(Anmerkung: Nein, die Geschichte mit dem Lehrer ist nicht sonderlich gut. Ich habe sie beim Schreiben dieses Textes nebenbei erfunden, der Lehrer hat nicht mal einen Namen. Aber sie spiegelt die Struktur und das ist gut so. Ich werde sehen, ob ich nebenbei die Zeit finde, was draus zu machen, das die weiteren Schritte illustriert.)
TUN SIE'S: Lesen Sie nochmal das "Caveat" und gehen Sie dann den Pakt mit sich selbst ein. Bauen Sie Ihre Geschichte. Definieren Sie den Anfang (Einführung, Set-Up), entwerfen Sie den Höhepunkt und wie er die Geschichte auflöst, entwerfen Sie die Ereignisse zum Höhepunkt und den ersten gescheiterten Anlauf, überlegen Sie sich einen Schluß, der alles zufriedenstellend (nicht unbedingt glücklich) zusammenpackt. Dann schreiben Sie auf Karteikarten in Stichworten die einzelnen Szenen der Handlung.Ich gratuliere. Sie können nun Ihre Geschichte schreiben. Vor dem Wochenende kann ich Ihnen auch hoffentlich noch ein paar Tipps geben, wie man das macht und Ihren Werkzeugkasten mit der Grundausstattung versehen.
Bis dahin.
Montag, 13. Februar 2012
Writing 101: Kurzgeschichten Teil I.
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| Illustration von Edouard Manet |
Warum...
...sollte man Kurzgeschichten schreiben? Ist doch bekannt, daß es für Kurzgeschichten in Deutschland, im deutschsprachigen Raum so gut wie keinen Markt gibt. Selbst der angelsächsische, einst eine Hochburg der Short Story, ist reichlich geschrumpft, seitdem das Internet den Sumpf der Totholzmedien austrocknet. Tschechows Weisheit "Je mehr Du kürzest, desto häufiger wirst Du gedruckt" gerät in diesen Zeiten zum Narrenwort; 500-Seiten-Wälzer sind die Norm, und man gewinnt den Eindruck, kein Lektor schlüge einem Autoren noch Textkürzungen vor, sondern im Gegenteil stopfte so viel rein wie möglich, um das Buch schließlich nach Schlachtgewicht zu verkaufen.
Kurzgeschichten werden gelegentlich noch in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht (und bei Agenturen eingekauft), und ansonsten bringen Verlage dann und wann (ich ergänze hier immer automatisch "kommt ein weißer Elefant") dann und wann "künstlerisch hochwertige" Sammlungen heraus, die unsere Enkelgeneration dann im Antiquariat immer noch ignorieren wird.
Warum also?
Für sich selbst. Für Sie. Für Einsteiger gibt es kaum eine Form, die besser geeignet ist zu trainieren.
- Die Gattung lehrt Disziplin. Das ist die wichtigste Eigenschaft beim Schreiben.
- Eine Kurzgeschichte schärft den Fokus und treibt der Sprache Blähungen aus.
- Als Einsteiger haben Sie das Erfolgserlebnis, ein Projekt beenden zu können.
- Sie werden feststellen, daß gute Freunde eher eine fundierte Kritik zu einer Kurzgeschichte äußern, als zu den ersten Kapiteln Ihrer auf vierzehn Bände angelegten Fantasy-Chronik von Danarubia, dem Einhorn.
Außerdem: Die angesprochenen "künstlerisch hochwertigen" Sammlungen sind nicht selten das Ergebnis von offenen Wettbewerben, die auch Anfängern zumindest die Chance geben, von Verlagen bemerkt zu werden oder in einem gedruckten Buch zu erscheinen. Gut, Geld sieht man keins, die Auflagenstärke lehrt Demut, und im deutschen Feuilleton wird man sich wohl auch nicht finden.
Aber hey, Sie sind in einem gedruckten Buch! Mit Namen! Über Ihrer Kurzgeschichte! Und es hat eine ISBN! Sie haben eine ISBN, und Sie mußten sie nicht bei Lulu kaufen. (Abschließend zu diesem Gedanken darf ich auf diesen Wettbewerb hinweisen, der jetzt noch läuft).
Definition
Eigentlich gibt es keine. Als Gattung gibt es Kurzgeschichten, neuerdings (nach literaturwissenschaftlichem Zeitempfinden) auch "Kürzestgeschichten" und andere Formen der erzählenden Kurzprosa. Aha. Hilft nur begrenzt weiter, zumal jede Definition jeder dieser Formen eine Variation der folgenden Aussage aufweist: "Es gibt kein Liste an Kriterien, die auf jeden Einzelfall zutrifft." Wir müssen also den Gesunden Menschenverstand bemühen (ich bin ein großer Freund des GMV), um eine Arbeitsgrundlage zu erhalten.
- Eine Kurzgeschichte ist, äh, kurz. Ja. Sagen wir vollkommen willkürlich mindestens zwei Skriptseiten (30 Zeilen à 60 Anschläge) und maximal dreißig. Oder meinthalben 2000 bis 45.000 Zeichen (ohne Leerzeichen). Das ist kurz. Im Falle von George R.R. Martin quasi nicht-existent.
- Eine Kurzgeschichte ist eine Geschichte, d.h. auf diesen zwei bis dreißig Seiten schildert der Autor ein einzelnes fiktionales Ereignis. (Elementary, my dear Watson). Es kann durchaus auf einer wahren Begebenheit beruhen, die aber literarisch verarbeitet werden muß.
Was?
Um die Frage "Über was soll ich schreiben" zu beantworten: Über das, was Ihnen wichtig oder spannend oder kurios, eben einfach erzählenswert erscheint, ob nun ausgedacht oder nicht (wobeiAusgedachtes seinen Ursprung stets in der Realität hat).
Stoff, Thema, Figuren - an das Material für eine Kurzgeschichte zu kommen, ist eigentlich kein Problem. Wir haben da dieses kleine Ding um uns herum, das sich "Realität" nennt, und da ist alles, was man braucht. Ein Weg, sich dieser Realität zu nähern, sind die Zeitungsnachrichten. Diese haben den Vorteil, die W-Fragen schon im Vorfeld zu beantworten (Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum?), auch wenn das journalistische Handwerk sich im Sturzflug befindet. Außerdem werden zumeist sehr spannende Ereignisse behandelt, die es so nicht vor der Haustür gibt.
Der Nachteil ist natürlich, daß Realität hier durch einen medialen Filter wahrgenommen wird. Daher muß diese Inspirationsquelle von einer weiteren ergänzt werden: Look at Life!
Seien Sie offen für die Menschen um sich herum. Die besten Geschichten, lange und kurze, schreibt das Leben, auch der Alltag. Achten Sie auf das, was um Sie geschieht, auf kleine Gesten, Gespräche, ja Satzfragmente. Schreiben Sie alles auf. (An dieser Stelle muß ich hoffentlich nicht betonen, daß jeder, der schreiben will, ein Notizbuch bei sich führt. Nein, ein Handy mit Diktatfunktion zählt nicht. Sie wollen schreiben, nicht zum Radio. Von Beginn ist es wichtig, Dinge in Ihrer "schriftlichen Stimme" festzuhalten.).
Stöbern Sie immer mal wieder in Ihren Aufzeichnungen, wenn Sie Anregungen suchen. Manche taugen als Vignetten in einer längeren Geschichte, manche sind der Auftakt einer solchen, manche illustrieren einfach nur das Konzept "absurd", manche liefern eine Figur für eine Geschichte und manche sind tatsächlich geeignet als Stoff für eine kurze Geschichte. Willkürliche Beispiele aus meiner Sammlung:
- Ein Mann, der in der Schlange vor mir an der Metzger-Theke steht, gibt im Plauderton gegenüber der Dame neben ihm zum Besten: "Dafür, daß ich meine Socken schon sieben Tage trage, riechen sie sehr wenig." Sie nickt mit großer Gelassenheit. Als großer Glaubender an die Menschheit unterstelle ich hier einen experimentellen Hintergrund.
- Im Acker gegenüber ragte im strengen Winter 2009/2010 ein leerer Stiefelschaft aus dem Schnee. Ich konnte einen Fuchs in der Morgendämmerung beobachten, der dort einen Kaninchenkadaver plazierte. Er legte ihn einfach nur hin, verbuddelte ihn nicht, versteckte ihn nicht, ließ ihn einfach dort liegen. Am frühen Nachmittag kehrte er zurück, stieß auf den Kaninchenkadaver, tanzte dreimal um ihn herum, daß der Schnee aufstob, nahm ihn auf und trabte fort. Es war tatsächlich derselbe Fuchs. Ich kenne ihn, denn ich habe ihn mit Katzenfutter durch eben diesen Winter gebracht.
- Einer meiner ersten Begegnungen am neuen Wohnort war eine ärmliche, aber gepflegte ältere Dame, die mir mit einem Kinderwagen aus einem Geschäft entgegenkam. Im Kinderwagen saß eine dieser Baby-Born-Puppen. Ich hielt ihr die Tür auf und fragte freundlich: "Na, frische Luft für das Kleine?" Da strahlte sie auf, grüßte mich und huschte fast mädchenhaft mit dem Wagen davon. Als ich sie wiedersah, wenige Wochen später, war der Wagen verschwunden. Sie war auch nicht mehr gepflegt, und sie schlurfte. Mein Gruß traf nur noch auf jenes glasierte Starren, das viele Pharmaopfer tragen.
- "Dünnschiß ist so uncool." Geäußert von einem Jugendlichen im Kreise seiner Lieben auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt. Sein Tonfall erstaunt mich, denn er klingt, als erwarte er Widerspruch entschiedener Gegner seiner Meinung. Aber sie starren ihn nur an. Schade.
Das Leben erzählt Geschichten. Nicht Sie. Sie geben ihnen nur Form. Diese Form kann natürlich radikal vom Ursprung abweichen. Ein reales Ereignis kann sich verwandelt in jedem Genre wiederfinden. Die Geschichte hinter dem Verhalten des Fuchses z.B. ist sicherlich spannend zu entschlüsseln, und natürlich bietet sich da die Form der Tierfantasy an. Darin (falls es z.B. ein Roman werden soll) kann man aber auch die Geschichte der Frau binden, die dann die Gestalt einer alten, traurigen Wölfin annimmt.
Ach ja: An dieser Stelle höre ich sehr oft: "Mir passieren solche Sachen aber nicht." In 99% muß dieser Satz heißen: "Bislang bin ich ganz schön blind durch die Welt gelaufen."
Ende Teil I
"Schon?"
"Ja."
In Teil II - ziemlich sicher noch vor dem Wochenende - geht es dann um die eigentliche Arbeit, um das Wie. Um Gestaltung, Struktur, Prägnanz.
Wir sehen uns.
Sonntag, 5. Februar 2012
Writing 101 "Ja, an den kann ich mich erinnern..."
(Alle W101-Beiträge finden sich hier.)
Bücher, Drehbücher, Theaterstücke, Abenteuer fürs Rollenspiel - wenn all diese Formen sich auch voneinander unterscheiden (und ein gutes Abenteuer unterscheidet sich strukturell massiv) so haben sie doch mindestens eines gemeinsam: Zum Erfolg benötigen sie neben einem packenden Thema Figuren, die des Erinnerns wert sind. Darum soll es hier gehen.
Figuren einer Fiktion lassen sich grob in drei Kategorien einteilen. Die Hauptfiguren, die Nebenfiguren, die im Englischen mit "Supporting Cast" so trefflich benannt sind, und schließlich die Statisten, Extras, die Rumsteher und Bestenfalls-Ein-Satz-Sager. Die Hauptfiguren, die Protagonisten und Antagonisten, sollten i.d.R. schnell von der Hand gehen, zumindest in groben Zügen - sie sind es, die den Plot treiben, und Thema, Handlung und Protagonisten sollten ein so dichtes Netz weben, daß sie zumindest beim ersten Treatment bereits fast von alleine erstehen.
Rollenspiel: Der Designer von Abenteuern hat es da besonders gut; die Mitspieler kümmern sich um die "Helden", er muß nur noch die Schurken beisteuern.
Nebenfiguren
Ich will hier auf die Nebenfiguren (in welchem der angesprochenen Medien auch immer) eingehen, denn sie sind das Rückgrat einer guten Geschichte, sie geben Tiefe, Farbe, Textur, Sinnlichkeit und bieten den Hauptfiguren die Gelegenheit, sich überhaupt erst zu entwickeln. Sie stützen die gesamte, zerbrechliche Konstruktion einer Handlung.
Eine Nebenfigur ist eine untergeordnete Figur der Handlung, die entweder sporadisch während der gesamten oder gehäuft über einen kurzen Abschnitt der Handlung beiträgt. Sie unterstützt die Protagonisten ("der weise Ratgeber") oder Antagonisten ("kriechender Höfling").
Ganz nebenbei haben die meisten Nebenfiguren weitaus mehr Screentime als z.B. der Antagonist. Steht die Geschichte und Charakterzeichnung des Schurken beispielsweise nicht im Vordergrund, so sehen wir ihn gewöhnlich in der Exposition, vielleicht während der zentralen Peripetie (während der er lachend die Helden ihrem vermeintlich sicheren Schicksal überläßt) und während der Auflösung im dritten Akt.
George, der Mechaniker ist jedoch jedesmal da, wenn Captain Cochran seine Hawker Hurricane landet. "Blimey, Cap'n, ainna no closer call 'n this. All beaten up and bulleted. What were ya thinkin?!" Er tröstet, er leidet mit, und am Schluß hat er den rettenden Gedanken wie man die offenen Ölleitungen der Hurricane temporär dichten kann, um die Manöverfähigkeit der Hurries gegen die pöhsen Nazi-Messerschmitts zu erhöhen.
Der Antagonist ist wichtiger als George für das Szenario, denn er hält den Plot am Laufen ("Wärr mössan Brättanien värnächten."). Aber George, George hält den Helden am Laufen. Und er bekommt verdammt viel mehr Screentime dafür.
Rollenspiel: Das gilt natürlich noch mehr für's RSP. Während Film oder Buch immer wieder auf den Schurken schneiden können, ist Rollenspiel in seiner Standardausprägung zu 99% auf die Spielercharaktere konzentriert. Hier kommt lebendigen, aber funktionalen Nebenfiguren eine noch größere Rolle zu.
Was sind die Aufgaben einer Nebenfigur?
Richtig gelesen: Die Frage ist nicht "Wie kreiere ich eine Nebenfigur?" Das ist ziemlich analog zu den Hauptfiguren, sie benötigen Konsistenz, Haltung und Widersprüche, sie können Pat-the-dog-Momente haben und ihr Rubberducky explorieren. Wie der Schreiber das bewerkstelligt, ob mit 21-Fragen-Technik, 9-Karteikarten-Technik, Tarot legen, auswürfeln, das hat keine Bedeutung. Alle Ansätze sind valide, wenn sie Ergebnisse zeitigen. Pendeln Sie's aus, wenn sein muß. Sie wissen am besten, wie sie Charaktere erschaffen.
Aber wissen Sie auch, was eine gute Nebenfigur an Aufgaben erfüllen muß?
Sie hilft dabei, die Themen und Motive der Geschichte herauszustellen. In unserem kleinen Film mit George und Captain Chochran ist eines der Themen, wie eine Nation sich angesichts überwältigender Feinde und großer Not über alle gewachsenen Schranken hinweg eint, um in dieser Einigkeit zu widerstehen. George kontrastiert hier mit Chocran, der wahlweise aristokratischer Pilot (der leichtfertige Jockey-Typ) oder gehobenes Bürgertum darstellt (z.B. Luftfahrtingenieur im Zivilberuf).
Sie definiert, verstärkt und unterstreicht den Protagonisten in seiner Entwicklung. Eine der Entwicklungen, die Chochran durchlaufen muß ist, sein Klassendenken zu überwinden und nicht mehr auf die Unterschichten herabzusehen (One Nation in the Face of the Enemy). George ist entscheidender Begleiter auf diesem Weg - er richtet den Piloten auf, als er zweifelt, erweist sich als Praktiker im Gegensatz zum durch Theorie eingeengten Ingenieur ("Now, it works, don't it? Needn't ask why now, do ya?") und natürlich kommt es zwischendrin auch zu einem Zerwürfnis.
Am Ende aber, als George's unkonventionelle Aufrüstungen helfen, den Sieg in der Battle of Britain zu erringen (eine dolle 15-Minuten-Sequenz über London), wird er ein letztes Mal supporten. Als Chochran und die Piloten seiner Stadffel das Victoria-Kreuz erhalten sollen, machen die Asse geschlossen Platz für ihre Mechaniker, die das Wunder in 24 Stunden bewerkstelligt haben. (Wir haben hier einen kompletten III. Akt.) And we came full circle.
Sie gibt Stichworte und entscheidende Infos, um den Plot voran zu bringen. George hält, wie schon gesagt, den Helden am Laufen. Und er hat den Geistesblitz, den er zusammen mit Staffelführer und Ingenieur Chochran ausarbeitet. Hier zeigt sich übrigens die Vernetzung zwischen Plot und Charakter. Alle Elemente und Ereignisse die Einfluß auf einen Charakter haben, haben immer auch Einfluß auf den Plot und umgekehrt.
Sie erfüllt die Fiktion mit Leben, Farbe und Kontrasten. George, klein, ölverschmiert, blond. Trinkt gerne Milch (schwer zu bekommen in diesen Tagen) und hat stets seinen Hund bei sich, einen Spitz natürlich. Der hört auf den Namen "Spunks" oder vielleicht auch "Mr. Tickles". George kaut Tabak und spuckt das auf die Motoren, die er wartet. "That ain't no spittle, Mr. Chochran, Sir. That's a good luck patch."
Rollenspiel: Im RSP spielen erfahrungsgemäß 1) und 2) eher untergeordnete Rollen, weswegen hier 3) und 4) entscheidender sind. Bedenken Sie, von wie vielen NSC so eine Gruppe umgeben ist, die immer wieder auftauchen und kurze Rollen spielen, als kleines Ärgernis, als Helfer, Tippgeber, als Wirte und Händler und und und. Subtile Nuancen in der Charakterisierung gehen am Spieltisch übrigens oft schnell flöten, daher sollte hier eher mit kräftigen Pinselstrichen gearbeitet werden, die sich aber nicht zu oft zur Karikatur entwickeln dürfen.
Wichtig ist es, eine gute Balance zwischen der Zahl der Nebenfiguren und den Hauptfiguren zu erreichen. Einfach nur interessante Figuren einzuführen wird die Geschichte mit unnützen Fäden zukleistern. Wer außer meinen Protagonisten und Antagonisten ist notwendig, um die Geschichte so zu erzählen, wie ich sie haben möchte? Wer ist notwendig, um meine Hauptfiguren in ihrer Tiefe auszuloten? Diese Fragen müssen sehr früh beantwortet. Erscheint während des Schreibens eine neue Figur notwendig, sollte immer überlegt werden, ob deren Funktion nicht plausibel und unauffällig von einer bereits eingeführten Figur erfüllt werden kann, oder ob sie tatsächlich ein neues Element einführt, das ohne sie unerreichbar ist.
Auch hier ist Disziplin gefordert.
Writing 101 - In Deutschland kann man die Schreibseminare immer noch an einer Hand abzählen. Insofern werde ich immer mal wieder ein paar Tips und Tricks zum Handwerk ins Blog stellen, die mit diesem Label gekennzeichnet werden. Falls irgendwelche Wünsche in dieser Hinsicht bestehen; dazu sind die Kommentare da.
Bücher, Drehbücher, Theaterstücke, Abenteuer fürs Rollenspiel - wenn all diese Formen sich auch voneinander unterscheiden (und ein gutes Abenteuer unterscheidet sich strukturell massiv) so haben sie doch mindestens eines gemeinsam: Zum Erfolg benötigen sie neben einem packenden Thema Figuren, die des Erinnerns wert sind. Darum soll es hier gehen.
Figuren einer Fiktion lassen sich grob in drei Kategorien einteilen. Die Hauptfiguren, die Nebenfiguren, die im Englischen mit "Supporting Cast" so trefflich benannt sind, und schließlich die Statisten, Extras, die Rumsteher und Bestenfalls-Ein-Satz-Sager. Die Hauptfiguren, die Protagonisten und Antagonisten, sollten i.d.R. schnell von der Hand gehen, zumindest in groben Zügen - sie sind es, die den Plot treiben, und Thema, Handlung und Protagonisten sollten ein so dichtes Netz weben, daß sie zumindest beim ersten Treatment bereits fast von alleine erstehen.
Rollenspiel: Der Designer von Abenteuern hat es da besonders gut; die Mitspieler kümmern sich um die "Helden", er muß nur noch die Schurken beisteuern.
Nebenfiguren
Ich will hier auf die Nebenfiguren (in welchem der angesprochenen Medien auch immer) eingehen, denn sie sind das Rückgrat einer guten Geschichte, sie geben Tiefe, Farbe, Textur, Sinnlichkeit und bieten den Hauptfiguren die Gelegenheit, sich überhaupt erst zu entwickeln. Sie stützen die gesamte, zerbrechliche Konstruktion einer Handlung.
Eine Nebenfigur ist eine untergeordnete Figur der Handlung, die entweder sporadisch während der gesamten oder gehäuft über einen kurzen Abschnitt der Handlung beiträgt. Sie unterstützt die Protagonisten ("der weise Ratgeber") oder Antagonisten ("kriechender Höfling").
Ganz nebenbei haben die meisten Nebenfiguren weitaus mehr Screentime als z.B. der Antagonist. Steht die Geschichte und Charakterzeichnung des Schurken beispielsweise nicht im Vordergrund, so sehen wir ihn gewöhnlich in der Exposition, vielleicht während der zentralen Peripetie (während der er lachend die Helden ihrem vermeintlich sicheren Schicksal überläßt) und während der Auflösung im dritten Akt.
George, der Mechaniker ist jedoch jedesmal da, wenn Captain Cochran seine Hawker Hurricane landet. "Blimey, Cap'n, ainna no closer call 'n this. All beaten up and bulleted. What were ya thinkin?!" Er tröstet, er leidet mit, und am Schluß hat er den rettenden Gedanken wie man die offenen Ölleitungen der Hurricane temporär dichten kann, um die Manöverfähigkeit der Hurries gegen die pöhsen Nazi-Messerschmitts zu erhöhen.
Der Antagonist ist wichtiger als George für das Szenario, denn er hält den Plot am Laufen ("Wärr mössan Brättanien värnächten."). Aber George, George hält den Helden am Laufen. Und er bekommt verdammt viel mehr Screentime dafür.
Rollenspiel: Das gilt natürlich noch mehr für's RSP. Während Film oder Buch immer wieder auf den Schurken schneiden können, ist Rollenspiel in seiner Standardausprägung zu 99% auf die Spielercharaktere konzentriert. Hier kommt lebendigen, aber funktionalen Nebenfiguren eine noch größere Rolle zu.
Was sind die Aufgaben einer Nebenfigur?
Richtig gelesen: Die Frage ist nicht "Wie kreiere ich eine Nebenfigur?" Das ist ziemlich analog zu den Hauptfiguren, sie benötigen Konsistenz, Haltung und Widersprüche, sie können Pat-the-dog-Momente haben und ihr Rubberducky explorieren. Wie der Schreiber das bewerkstelligt, ob mit 21-Fragen-Technik, 9-Karteikarten-Technik, Tarot legen, auswürfeln, das hat keine Bedeutung. Alle Ansätze sind valide, wenn sie Ergebnisse zeitigen. Pendeln Sie's aus, wenn sein muß. Sie wissen am besten, wie sie Charaktere erschaffen.
Aber wissen Sie auch, was eine gute Nebenfigur an Aufgaben erfüllen muß?
Sie hilft dabei, die Themen und Motive der Geschichte herauszustellen. In unserem kleinen Film mit George und Captain Chochran ist eines der Themen, wie eine Nation sich angesichts überwältigender Feinde und großer Not über alle gewachsenen Schranken hinweg eint, um in dieser Einigkeit zu widerstehen. George kontrastiert hier mit Chocran, der wahlweise aristokratischer Pilot (der leichtfertige Jockey-Typ) oder gehobenes Bürgertum darstellt (z.B. Luftfahrtingenieur im Zivilberuf).
Sie definiert, verstärkt und unterstreicht den Protagonisten in seiner Entwicklung. Eine der Entwicklungen, die Chochran durchlaufen muß ist, sein Klassendenken zu überwinden und nicht mehr auf die Unterschichten herabzusehen (One Nation in the Face of the Enemy). George ist entscheidender Begleiter auf diesem Weg - er richtet den Piloten auf, als er zweifelt, erweist sich als Praktiker im Gegensatz zum durch Theorie eingeengten Ingenieur ("Now, it works, don't it? Needn't ask why now, do ya?") und natürlich kommt es zwischendrin auch zu einem Zerwürfnis.
Am Ende aber, als George's unkonventionelle Aufrüstungen helfen, den Sieg in der Battle of Britain zu erringen (eine dolle 15-Minuten-Sequenz über London), wird er ein letztes Mal supporten. Als Chochran und die Piloten seiner Stadffel das Victoria-Kreuz erhalten sollen, machen die Asse geschlossen Platz für ihre Mechaniker, die das Wunder in 24 Stunden bewerkstelligt haben. (Wir haben hier einen kompletten III. Akt.) And we came full circle.
Sie gibt Stichworte und entscheidende Infos, um den Plot voran zu bringen. George hält, wie schon gesagt, den Helden am Laufen. Und er hat den Geistesblitz, den er zusammen mit Staffelführer und Ingenieur Chochran ausarbeitet. Hier zeigt sich übrigens die Vernetzung zwischen Plot und Charakter. Alle Elemente und Ereignisse die Einfluß auf einen Charakter haben, haben immer auch Einfluß auf den Plot und umgekehrt.
Sie erfüllt die Fiktion mit Leben, Farbe und Kontrasten. George, klein, ölverschmiert, blond. Trinkt gerne Milch (schwer zu bekommen in diesen Tagen) und hat stets seinen Hund bei sich, einen Spitz natürlich. Der hört auf den Namen "Spunks" oder vielleicht auch "Mr. Tickles". George kaut Tabak und spuckt das auf die Motoren, die er wartet. "That ain't no spittle, Mr. Chochran, Sir. That's a good luck patch."
Rollenspiel: Im RSP spielen erfahrungsgemäß 1) und 2) eher untergeordnete Rollen, weswegen hier 3) und 4) entscheidender sind. Bedenken Sie, von wie vielen NSC so eine Gruppe umgeben ist, die immer wieder auftauchen und kurze Rollen spielen, als kleines Ärgernis, als Helfer, Tippgeber, als Wirte und Händler und und und. Subtile Nuancen in der Charakterisierung gehen am Spieltisch übrigens oft schnell flöten, daher sollte hier eher mit kräftigen Pinselstrichen gearbeitet werden, die sich aber nicht zu oft zur Karikatur entwickeln dürfen.
Wichtig ist es, eine gute Balance zwischen der Zahl der Nebenfiguren und den Hauptfiguren zu erreichen. Einfach nur interessante Figuren einzuführen wird die Geschichte mit unnützen Fäden zukleistern. Wer außer meinen Protagonisten und Antagonisten ist notwendig, um die Geschichte so zu erzählen, wie ich sie haben möchte? Wer ist notwendig, um meine Hauptfiguren in ihrer Tiefe auszuloten? Diese Fragen müssen sehr früh beantwortet. Erscheint während des Schreibens eine neue Figur notwendig, sollte immer überlegt werden, ob deren Funktion nicht plausibel und unauffällig von einer bereits eingeführten Figur erfüllt werden kann, oder ob sie tatsächlich ein neues Element einführt, das ohne sie unerreichbar ist.
Auch hier ist Disziplin gefordert.
Writing 101 - In Deutschland kann man die Schreibseminare immer noch an einer Hand abzählen. Insofern werde ich immer mal wieder ein paar Tips und Tricks zum Handwerk ins Blog stellen, die mit diesem Label gekennzeichnet werden. Falls irgendwelche Wünsche in dieser Hinsicht bestehen; dazu sind die Kommentare da.
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