Montag, 13. Februar 2012

Writing 101: Kurzgeschichten Teil I.

Illustration von Edouard Manet
(Alle W101-Beiträge finden sich hier.)  

Warum...

...sollte man Kurzgeschichten schreiben? Ist doch bekannt, daß es für Kurzgeschichten in Deutschland, im deutschsprachigen Raum so gut wie keinen Markt gibt. Selbst der angelsächsische, einst eine Hochburg der Short Story, ist reichlich geschrumpft, seitdem das Internet den Sumpf der Totholzmedien austrocknet. Tschechows Weisheit "Je mehr Du kürzest, desto häufiger wirst Du gedruckt" gerät in diesen Zeiten zum Narrenwort; 500-Seiten-Wälzer sind die Norm, und man gewinnt den Eindruck, kein Lektor schlüge einem Autoren noch Textkürzungen vor, sondern im Gegenteil stopfte so viel rein wie möglich, um das Buch schließlich nach Schlachtgewicht zu verkaufen.

Kurzgeschichten werden gelegentlich noch in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht (und bei Agenturen eingekauft), und ansonsten bringen Verlage dann und wann (ich ergänze hier immer automatisch "kommt ein weißer Elefant") dann und wann "künstlerisch hochwertige" Sammlungen heraus, die unsere Enkelgeneration dann im Antiquariat immer noch ignorieren wird.

Warum also?

Für sich selbst. Für Sie. Für Einsteiger gibt es kaum eine Form, die besser geeignet ist zu trainieren.

  • Die Gattung lehrt Disziplin. Das ist die wichtigste Eigenschaft beim Schreiben.
  • Eine Kurzgeschichte schärft den Fokus und treibt der Sprache Blähungen aus.
  • Als Einsteiger haben Sie das Erfolgserlebnis, ein Projekt beenden zu können.
  • Sie werden feststellen, daß gute Freunde eher eine fundierte Kritik zu einer Kurzgeschichte äußern, als zu den ersten Kapiteln Ihrer auf vierzehn Bände angelegten Fantasy-Chronik von Danarubia, dem Einhorn.
Kurzum: Das Verfassen von Kurzgeschichten trainiert die komplette Schreibmuskulatur; sie lehrt Disziplin, eröffnet die Möglichkeit, sich mit geringem Aufwand an verschiedenen Genres zu erproben, formt Stil und Sprache, und ist bei alledem sogar noch vernünftig neben einem täglichen Broterwerb zu bewältigen.

Außerdem: Die angesprochenen "künstlerisch hochwertigen" Sammlungen sind nicht selten das Ergebnis von offenen Wettbewerben, die auch Anfängern zumindest die Chance geben, von Verlagen bemerkt zu werden oder in einem gedruckten Buch zu erscheinen. Gut, Geld sieht man keins, die Auflagenstärke lehrt Demut, und im deutschen Feuilleton wird man sich wohl auch nicht finden.

Aber hey, Sie sind in einem gedruckten Buch! Mit Namen! Über Ihrer Kurzgeschichte! Und es hat eine ISBN! Sie haben eine ISBN, und Sie mußten sie nicht bei Lulu kaufen. (Abschließend zu diesem Gedanken darf ich auf diesen Wettbewerb hinweisen, der jetzt noch läuft).

Definition

Eigentlich gibt es keine. Als Gattung gibt es Kurzgeschichten, neuerdings (nach literaturwissenschaftlichem Zeitempfinden) auch "Kürzestgeschichten" und andere Formen der erzählenden Kurzprosa. Aha. Hilft nur begrenzt weiter, zumal jede Definition jeder dieser Formen eine Variation der folgenden Aussage aufweist: "Es gibt kein Liste an Kriterien, die auf jeden Einzelfall zutrifft." Wir müssen also den Gesunden Menschenverstand bemühen (ich bin ein großer Freund des GMV), um eine Arbeitsgrundlage zu erhalten.

  • Eine Kurzgeschichte ist, äh, kurz. Ja. Sagen wir vollkommen willkürlich mindestens zwei Skriptseiten (30 Zeilen à 60 Anschläge) und maximal dreißig. Oder meinthalben 2000 bis 45.000 Zeichen (ohne Leerzeichen). Das ist kurz. Im Falle von George R.R. Martin quasi nicht-existent.
  • Eine Kurzgeschichte ist eine Geschichte, d.h. auf diesen zwei bis dreißig Seiten schildert der Autor ein einzelnes fiktionales Ereignis. (Elementary, my dear Watson). Es kann durchaus auf einer wahren Begebenheit beruhen, die aber literarisch verarbeitet werden muß.
Nicht elegant, aber es sollte zum Arbeiten genügen. Also denn an die Arbeit.

Was?

Um die Frage "Über was soll ich schreiben" zu beantworten: Über das, was Ihnen wichtig oder spannend oder kurios, eben einfach erzählenswert erscheint, ob nun ausgedacht oder nicht (wobeiAusgedachtes seinen Ursprung stets in der Realität hat).

Stoff, Thema, Figuren - an das Material für eine Kurzgeschichte zu kommen, ist eigentlich kein Problem. Wir haben da dieses kleine Ding um uns herum, das sich "Realität" nennt, und da ist alles, was man braucht. Ein Weg, sich dieser Realität zu nähern, sind die Zeitungsnachrichten. Diese haben den Vorteil, die W-Fragen schon im Vorfeld zu beantworten (Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum?), auch wenn das journalistische Handwerk sich im Sturzflug befindet. Außerdem werden zumeist sehr spannende Ereignisse behandelt, die es so nicht vor der Haustür gibt.

Der Nachteil ist natürlich, daß Realität hier durch einen medialen Filter wahrgenommen wird. Daher muß diese Inspirationsquelle von einer weiteren ergänzt werden: Look at Life!

Seien Sie offen für die Menschen um sich herum. Die besten Geschichten, lange und kurze, schreibt das Leben, auch der Alltag. Achten Sie auf das, was um Sie geschieht, auf kleine Gesten, Gespräche, ja Satzfragmente. Schreiben Sie alles auf. (An dieser Stelle muß ich hoffentlich nicht betonen, daß jeder, der schreiben will, ein Notizbuch bei sich führt. Nein, ein Handy mit Diktatfunktion zählt nicht. Sie wollen schreiben, nicht zum Radio. Von Beginn ist es wichtig, Dinge in Ihrer "schriftlichen Stimme" festzuhalten.).

Stöbern Sie immer mal wieder in Ihren Aufzeichnungen, wenn Sie Anregungen suchen.  Manche taugen als Vignetten in einer längeren Geschichte, manche sind der Auftakt einer solchen, manche illustrieren einfach nur das Konzept "absurd", manche liefern eine Figur für eine Geschichte und manche sind tatsächlich geeignet als Stoff für eine kurze Geschichte. Willkürliche Beispiele aus meiner Sammlung:

  • Ein Mann, der in der Schlange vor mir an der Metzger-Theke steht, gibt im Plauderton gegenüber der Dame neben ihm zum Besten: "Dafür, daß ich meine Socken schon sieben Tage trage, riechen sie sehr wenig." Sie nickt mit großer Gelassenheit. Als großer Glaubender an die Menschheit unterstelle ich hier einen experimentellen Hintergrund.
  • Im Acker gegenüber ragte im strengen Winter 2009/2010 ein leerer Stiefelschaft aus dem Schnee. Ich konnte einen Fuchs in der Morgendämmerung beobachten, der dort einen Kaninchenkadaver plazierte. Er legte ihn einfach nur hin, verbuddelte ihn nicht, versteckte ihn nicht, ließ ihn einfach dort liegen. Am frühen Nachmittag kehrte er zurück, stieß auf den Kaninchenkadaver, tanzte dreimal um ihn herum, daß der Schnee aufstob, nahm ihn auf und trabte fort. Es war tatsächlich derselbe Fuchs. Ich kenne ihn, denn ich habe ihn mit Katzenfutter durch eben diesen Winter gebracht.
  • Einer meiner ersten Begegnungen am neuen Wohnort war eine ärmliche, aber gepflegte ältere Dame, die mir mit einem Kinderwagen aus einem Geschäft entgegenkam. Im Kinderwagen saß eine dieser Baby-Born-Puppen. Ich hielt ihr die Tür auf und fragte freundlich: "Na, frische Luft für das Kleine?" Da strahlte sie auf, grüßte mich und huschte fast mädchenhaft mit dem Wagen davon. Als ich sie wiedersah, wenige Wochen später, war der Wagen verschwunden. Sie war auch nicht mehr gepflegt, und sie schlurfte. Mein Gruß traf nur noch auf jenes glasierte Starren, das viele Pharmaopfer tragen.
  • "Dünnschiß ist so uncool." Geäußert von einem Jugendlichen im Kreise seiner Lieben auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt. Sein Tonfall erstaunt mich, denn er klingt, als erwarte er Widerspruch entschiedener Gegner seiner Meinung. Aber sie starren ihn nur an. Schade.

Das Leben erzählt Geschichten. Nicht Sie. Sie geben ihnen nur Form. Diese Form kann natürlich radikal vom Ursprung abweichen. Ein reales Ereignis kann sich verwandelt in jedem Genre wiederfinden. Die Geschichte hinter dem Verhalten des Fuchses z.B. ist sicherlich spannend zu entschlüsseln, und natürlich bietet sich da die Form der Tierfantasy an. Darin (falls es z.B. ein Roman werden soll) kann man aber auch die Geschichte der Frau binden, die dann die Gestalt einer alten, traurigen Wölfin annimmt.

Ach ja: An dieser Stelle höre ich sehr oft: "Mir passieren solche Sachen aber nicht." In 99% muß dieser Satz heißen: "Bislang bin ich ganz schön blind durch die Welt gelaufen."

Ende Teil I

"Schon?"
"Ja."


In Teil II - ziemlich sicher noch vor dem Wochenende - geht es dann um die eigentliche Arbeit, um das Wie. Um Gestaltung, Struktur, Prägnanz.

Wir sehen uns.

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