Mittwoch, 4. April 2012

Writing 101: Kurzgeschichten IV (Interludium)

(Die Teile I  II und III dieser Serie sind natürlich online. Alle W101-Artikel gibt es hier.)

Ein paar ergänzende Worte zum Prozeß der Erstfassung scheinen nach Feedback angebracht. Übrigens, liebe Leser (drei :)), waren eure eMails nett, aber nutzt doch die Kommentarspalten, da haben alle was davon.

Abweichung vom Plotplan

Offenkundig habe ich, wie es leider meine Art ist, ein wenig harsch formuliert, was den Umgang mit neuen Ideen während des Prozesses angeht. Sie haben mit den Karteikärtchen oder wie immer Sie den Plotplan erstellt haben, eine Vorarbeit geleistet. Während Sie diese nun ab- und ausarbeiten, müssen Sie natürlich offen sein für Veränderungen innerhalb des Textes, denn erst im Prozeß selbst erkennen Sie viele Möglichkeiten und Verbindungen. Manche Ergänzung oder Richtungsänderung ist nur im Detail von Bedeutung, manche von viel größerem Gewicht.
Als ich das Set-Up für das Beispiel vorbereitete, habe ich aus dem saufenden Lehrer einen saufenden Waffenverkäufer gemacht, weil er a) weniger klischeebeladen und b) interessanter ist, dabei c) eine weitere Ebene moralischer Beschädigung des Protagonisten hinzufügt.
Wenn Sie eine neue Idee einbauen, dann überlegen Sie kurz deren Auswirkung nach hinten auf das bereits Geschriebene und nach vorne auf das, was noch zu Schreiben ist. Für die weitere Entwicklung genügt es, Karteikärtchen zu korrigieren, ggf. eine einzufügen. Für die rückwirkenden Änderungen ist bei mir im Editor auch immer eine Datei "Für den zweiten Durchlauf" offen, in denen ich die Änderung eintrage und ggf. rückwirkende Ergänzungen vermerke.

Seien Sie offen für neue Ideen im Prozeß, aber achten Sie darauf, ob diese Sie vom Kern Ihrer Geschichte wegführen. Dann gilt es mißtrauisch zu werden.

"Hilfe, mein Zeug ist weg!"

Der Hund hat das Manuskript gefressen oder die Festplatte ist abgeraucht. Wenn Sie einen Roman schreiben, kann das eine Katastrophe sein: Sechs Kapitel, alle Vorarbeiten und ein Jahr Recherche zum Teufel. Das wars, das Projekt ist hin. (Das ist mir schon passiert, aber ich konnte die Daten zumindest als Roh-Dump von der defekten Platte holen und auslesen, außerdem hatte ich einen Ausdruck vom Geschriebenen. War trotzdem sehr, sehr ärgerlich.)

Auch bei einer Kurzgeschichte ist das ärgerlich. Hier ist es weniger die Textmenge, die schmerzt, sondern der Verlust kreativer Leistung. Die Ausarbeitung der Stichwörter einer Karteikarte beinhaltet Entscheidungen und Ideen, die jetzt erstmal weg sind. Aber bei Kurzprosa haben Sie sie noch im Kopf.

Setzen Sie sich so rasch wie möglich hin mit den bereits abgearbeiteten Kärtchen. Versuchen Sie sich zu jedem Kärtchen Ihre konkrete Umsetzung ins Gedächtnis zu rufen. Wie war der Fokus? Hatte ich eine gute Idee das umzusetzen? Schreiben Sie es in zwei, drei Sätzen auf. Nicht mehr. Rekonstruieren Sie den Text jetzt nicht vollständig, sondern erst nach Abschluß der Erstfassung. Zu groß ist sonst die Gefahr, daß der Gedankenfluß reißt, daß Sie frustriert werden, oder in die Endlospirale des vorzeitigen Korrigierens geraten.

Ansonsten: Regelmäßige Datensicherung und bei größeren Projekten auch ausdrucken sind unerläßliche Sicherheitsmaßnahmen.

Mangelnde Ausdauer

Bleiben Sie am Ball. Auch "nur" 200 Wörter täglich sind 200 Wörter. Auch damit erreichen Sie Ihr Ziel. Motivieren Sie sich. Vielleicht gehören Sie zu den Glücklichen, die Sich am eigenen Geschriebenen sogar erfreuen können. Dann lesen Sie zu Beginn einer Sitzung die letzten paar Absätze der Arbeit vom Tage zuvor, und Sie kommen in den Fluß. (Wenn Sie Ihre Prosa furchtbar finden, ein natürliches Empfinden ähnlich dem, unsere eigene Stimme auf Band zu hören, dann meiden Sie das wie Gift!)

Loben Sie sich, wenn Sie 200 Wörter geschrieben haben (oder was auch immer Ihr Tagespensum ist). Nicht viele packen das.

Halten Sie durch, bis Sie "Ende" unter den Text tippen können.


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