Sonntag, 5. August 2012

Show Some Respect?

George Lucas ist ein interessanter Mann. Er hat die wahrscheinlich bekannteste und beliebteste Fiktion erschaffen, neben der Bibel, dem Kommunistischen Manifest, Mittelerde und Hogwarts. Der Mann ist reich, und er könnte noch ein kleines bißchen reicher werden, wenn er all die belangen würde, die seine Ideen verwenden. Da draußen gibt es Dutzende, teils aufwendig gemachte Fan-Filme (Pink Five anyone), Webcomics, die tausende Filmbilder verwenden etc. pp.

Aber Lucas ist ein interessanter Mann: Solange niemand daran verdient und solange der Umgang mit seiner Arbeit diese nicht in den Dreck zieht, läßt er das geschehen, und er hat nach eigenem Bekunden durchaus Spaß am einen oder anderen Fanprodukt.
Jeanne Cole, a spokesperson for Lucas' company, Lucasfilm, added: 'At the end of the day, this is about everyone just having fun with Star Wars.' She said the company did not pursue fans 'as long as nobody crosses that line—either in bad taste or in profiting from the use of our characters'


(Leicht erregbare Geeks sollten zunächst das Caveat am Ende lesen...)

Ich nehm dem Manne auch nicht krumm, daß er andauernd in seinen alten Werken rumpfuscht. Lucas ist kein Künstler sondern ein echter Nerd (nicht im heutigen Mainstreamsinne) mit Technikbegeisterung. Für ihn ist ein Film immer soweit fertig, wie es die derzeitige Technik hergibt - neue Technik, neue Möglichkeit --> Verbessern- Wobei das sehr subjektive "Verbesserungen" sind, ich geb das zu. Wenigstens hat er sich - außer Han-shot-first - auch noch nicht zu solchem Unsinn hinreißen lassen wie Spielberg mit seiner "Handyfassung" von ET.

Trotz all dieser im Grunde genommen liebenswerten Eigenschaften, empfindet eine bestimmte Fanklientel eine fast obsessive Haßliebe für ihn, Haß für sein Frickeln an den alten Filmen und vor allem für seine Prequel-Trilogie. Die gab einem vollkommen neuen Phänomen Auftrieb: Dem Fanedit.

Normalerweise kriegen Fans Schaum vor dem Mund, weil irgendein Studio einen einzelnen Schnitt in einem "Kultfilm" (ein Unwort) wie  z.B. dem prätentiösen Hochglanzedellangweiler Blade Runner angebracht hat. Sollte sich irgendwann jemand erdreisten, The Empire Strikes Back zu kürzen, z.B. die unerträglichen "romantischen" Dialoge zwischen einer dauerbekoksten und/oder betrunkenen Carrie Fisher* und einem auf zwei Gesichtsausdrücke reduzierten Harrison Ford auf erträglich Maß stutzen - diese Person würde in einem Shitstorm ohnegleichen untergehen.

Nimmt man jedoch The Phantom Menace und hackt 20 Minuten raus, wird man zum Phänomen, wird man mit Lob überhäuft (auch mit Kritik, sicher, das ist nicht einstimmig) und man begründet eine zumindest fragliche Fankultur namens Fanedit.

Faneditoren versammeln sich in eigenen Boards (ich verlinke wegen der rechtlich dunkelgrauen Zone keines) und schneiden die Versionen zumeist aktueller Filme, die sie als besser empfinden als Studios und Regisseure. Bevorzugt geschnitten werden Star Wars, The Lord of the Rings und Matrix, sowie vieles von Spielberg und aus der Michael-Bay-Ecke. Ich persönlich ziehe ja die Luft ein. Wo bleibt der Respekt vor der Vision des Künstlers? Ist unsere Resampling-Kultur soweit gediehen, daß dieser Respekt wirklich gar nicht mehr vorhanden ist? Ein Film ist eine Schöpfung, und seine Schöpfer wollten ihn in einer bestimmten Form darbieten, dahinter steht Gestaltungsabsicht, sogar bei Michael Bay, darf man die einfach ignorieren?

Andererseits: Einige Fanedits sind tatsächlich deutlich besser. King Kong, Pearl Harbor, aber eben auch der Phantom Edit sind Beispiele dafür. Andere Fanedits sind interessante Experimente, z.B. der Versuch, die LotR-Filme auf die Bücher zu schneiden (im Endeffekt gescheitert, weil Tolkiens Pacing im II. Band sehr schlecht ist).

Fan-Filme, Fan-Fiction, ja sogar Slash sind (nicht selten verquere) Liebeserklärungen und Hommagen an ein bewundertes Original. Fanedits nicht. Fanedits sagen bestenfalls: "Cool, aber so macht man das besser." Manchmals sagen sie auch: "Mal sehen, was man aus dem Schrott machen kann." In den einschlägigen Boards findet sich viel Respekt, aber noch mehr Arroganz und Verachtung. Umso schlimmer: In vielen Fällen haben sie recht. Jacksons zum Monstrum aufgeblähten King Kong habe ich nie durchgehalten, ich kenne aber einen um 45 Minuten gekürzten Edit, der sehr ansehbar ist.

Hier schließt sich dann der Kreis vom herzinfarkterregenden Studioschnitt bei Blade Runner zum Phantom Edit: Früher haben Studios die Filme ihrer Regisseure zurechtgestutzt. Diese Möglichkeit haben sie heute bei den "mächtigeren" Regisseuren wie Jackson, Lucas, Spielberg, Bay etc. eben nicht, und so lassen diese ihre Egomanenmonster ohne Maniküre aufs Publikum los.

Und (oft) begabte Fans setzen dann eben die Schere an.

Caveat - Der Autor hält folgende Aussagen für wahr:

  • Die Originaltrilogie ist allenfalls marginal besser als die Prequeltrilogie. Was besser war, waren die Zeiten, in denen wir sie sahen, und diesen unbeschwerten Sense of Wonder haben wir in unsere Sichtweise der Originalfilme eingeschreint. Gegen diesen quasi-religiösen Ballast im Zuschauer hatten die Prequels nie eine Chance. (Meine Rangliste: The Empire Strikes Back (knapp wegen Kershners Kompetenz) - The Revenge of the Sith - A New Hope - The Phantom Menace (Phantom Edit) - The Return of the Jedi - The Attack of the Clones)
  • Matrix ist Müll. Alle drei Filme. Prätentiöses Style-over-Substance-Gehopse, abtörnende Pseudo-Religiösität mit krypto-faschistisch messianischen Zügen und voller Logiklücken, durch die man Karawanen treiben kann. Nebeneinander. Die ersten Filme mit Keanu Reeves, an deren Schrottfaktor er vollkommen unschuldig ist. Eine Regieleistung, die man so nicht erwarten konnte.
  • Blade Runner ist auch nicht gut, nein, auch nicht tiefsinnig und gedanklich hintergründig. Er ist so leer, daß man halt viel hineinprojizieren kann, aber zu geben hat der Film nichts. Das ist wie früher Hermann Hesse lesen, der war bei pubertierenden Weltschmerzlern mal sehr beliebt und man fühlte sich fast als Intellektüller. Harrison Ford (q.v. Kenau Reeves) couldn't act himself out of a box, und die film noir voice overs bereiten beim Zuhören fast physische Schmerzen ob Substanzlosigkeit und Vortrag. Der Soundtrack ist auch Scheiße (Vangelis? Ich meine, wer beschäftigt Vangelis?) Rutger Hauer ist aber cool, unbestritten.
  • Temple of Doom ist besser als The Last Crusade. Viel besser. Sean Connery ist nicht cool als Indy's Dad und noch nervender als Shorty und Willie zusammen. Daß zudem Denholm Elliots Charakter Marcus Brody zu einem unfähigen Sidekick degradiert wurde, adds insult to injury.
  • Aliens ist der schlechteste, oberflächlichste und inkompetenteste der Alien-Reihe. James Cameron hat überhaupt seit Terminator keinen richtig guten Film mehr gemacht, und das schließt Terminator II mit ein. 

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*Wer die Möglichkeit hat, sich das berüchtigte Holiday Special anzugucken: Man achte auf Carrie Fishers ersten Auftritt bei dem sie fast seitwärts in die Kulissen kracht, während sie die Konsonanten ihres Dialogs verschleift.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

- die meisten Faneditors haben viel Respekt vor der Arbeit, die als Grundlage für ihre Sachen nehmen.
- Harry Potter-Filme und die neue Batman-Filme werden ebenfalls gerne fangeschnitten.

CYA- Michael

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