Freitag, 17. August 2012

Writing 101 - Set-Up and Pay-Off

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Die Literaturwissenschaft arbeitet sich gerne an Begriffen wie "Vorausdeutung" ab. Der eine oder andere wirft im Proseminar dann auch mal "Chekhovs Gun" in die Runde. Die Ohren glühen dabei. Was kann man mit Theorie nicht so alles machen.

Wenig Praktisches. Was dieser Eiertanz um das Eigentliche herum meint ist ganz einfach: Set-Up und Pay-Off. Dies ist die grundlegende organische Struktur einer Erzählung im westlichen Kulturkreis (ich nehme an, wohl auch im östlichen und anderen, aber da bin ich mir nicht sicher und halte die Klappe).

Ja, Chekhovs berühmte Knarre ist in der Tat eine Facette dieser Struktur, und ja, auch Foreshadowing gehört dazu. Aber das ist nicht alles. Set-Up und Pay-Off durchdringen die Schichten einer Erzählung, verknüpfen sie miteinander und gibt scheinbar beziehungslosen Ereignissen Bedeutung. Sie sind der Kitt.


Ein Set-Up ist ein Erzählereignis, das Auftauchen eines Dings, die Enthüllung einer Charaktereigenschaft, überraschende Umstände, verdeckte Verhaltensweisen, Ereignisse. Die Liste läßt sich fortsetzen. Ein Set-Up-Element ermöglicht es uns später in der Geschichte ein Ereignis in seiner Bedeutung zu erfassen, die uns sonst entgangen wäre.

Dabei ist es notwendig, daß a) das Element hinreichend Eindruck hinterläßt, um erinnert zu werden (ggf. mit der Regel der Drei arbeiten), aber b) es nicht auffällt, daß hier ein Set-Up geschieht. Tricky, aber man lernt das rasch.

Das Pay-Off ist ebenfalls ein Erzählereignis, aber eines, das nur (volle) Bedeutung erlangt durch das Set-Up (das können auch mehrere Ereignisse gewesen sein), das vorher gegeben wurde. Für den, der das Pay-Off als Zuschauer oder Spieler erlebt, transportiert es idealerweise tiefere Bedeutung, einen Moment der Erkenntnis und den Baustein zu einer Katharsis (wobei hier die Wucht natürlich nach Bedeutung variiert).

Beispiele

The Empire Strikes Back: Als Set-Up haben wir die widerborstige (und grobschlächtig geschriebene) Beziehung zwischen Han und Leia sowie Han's Persönlichkeitsentwicklung (from Rogue to loveable Rogue with principles). Es endet in einem unerwartet großartigen Moment: Er fährt in den Froster, sie gesteht (schließlich) ihre Liebe, und er antwortet "Ich weiß". Großes Kino.

The Lord of the Rings: Gandalf äußert früh seine Ahnung, Gollum habe noch eine Rolle in der Geschichte zu spielen. Das ist der Beginn des Set-Ups. Sméagols Zähmung bindet die Figur dichter in die Geschichte ein, gibt ihren Anteil preis. Das Pay-Off ist schließlich, daß Gollum letztlich derjenige ist, der den Ring in den Schicksalberg schmeißt. Das überlappt sich übrigens mit Frodos Pay-Off, der früh und immer wieder zweifelte, stark genug zu sein und sich schließlich tatsächlich dem Ring ergibt.

The Return of the King: In The Two Towers und und auch im ersten Teil von Return of the King erfahren wir von Theodens Selbstzweifeln, seiner Auffassung ein schlechter, bestenfalls ein schwacher König zu sein, ein "minderer Sohn großer Väter". Sein Pay-Off hat er in seinem Tod während der gigantischen Schlacht auf den Pelennor-Feldern. Nun kann er würdig vor seine Vorväter treten.

The Attack of the Clones: Lucas mag ein mieser Autor sein, aber er kennt seine narrativen Strukturen. In den später entstandenden Prequels baut er gerne invertierte Set-Up und Pay-Off-Strukturen, z.B. als Obi Wan zu Annakin sagt: Ich habe das Gefühl, eines Tages wirst Du mein Tod sein." Pay-Off natürlich in A New Hope.

Casablanca: Den zu analysieren erfordert mindestens ein Buch. Aber ein Beispiel sei Ricks betont unpolitische Haltung in Verbindung mit seinem Selbsterhaltungstrieb: I stick my neck out for nobody. Sein verzeifelter Gambit am Schluß, der aus Liebe geschieht, ist in seiner Tragweite nur verständlich, wenn wir den Zyniker, Trinker und letzlich Feigling vorher gesehen haben.

Robocop: Es geht auch kleiner, in der Tat ist jeder Text voll mit Set-Up und Pay-Off. In Robocop hat der Polizist, der später zum Robocop wird, eine spezielle Art seine Waffe zu wirbeln. Hieran erkennt später seine ursprüngliche Partnerin, wer im Androidenleib steckt.

Einsatz

Set-Up und Pay-Off müssen in Balance sein. Wenn wir von Logiklöchern oder einem Bruch z.B. in einem Film sprechen, ist die Ursache davon oft, daß ein Pay-Off nicht sorgfältig vorbereitet oder präsentiert wurde (das resultiert in einem WTF-Deus-Ex-Machina) oder ein vielversprechendes Set-Up nicht "ausgezahlt" wurde. In letzterem Falle bleiben wir leicht enttäuscht zurück und wundern uns, was z.B.  mit der tollen Figur oder dem tollen Gadget passiert ist. Im Umkehrschluß können wir daraus impliziert schließen, daß Set-Up und Pay-Off, die sich die erforderliche Waage halten, einen schlüssigen Plot konstituieren.

Set-Ups sind Fäden die vor dem zentralen Wendepunkt ausgeworfen werden sollten. Sobald die Geschichte auf die Auflösung zutreibt, sollten keine Set-Ups mehr gesetzt, sondern die gesetzten aufgelöst werden. Theoretisch kann man aber bis zur Wende in den Dritten Akt noch kleinere Pay-Offs vorbereiten.

Vorsicht sollte geboten sein, Set-Up und Pay-Off andauernd und bewußt zu setzen. Normalerweise ergeben sie sich organisch aus dem Schreibprozeß, wenn Plot und Charaktere gut geplant und vorbereitet sind. Die theoretische Kenntnis dieser grundlegenden Struktur ist erst beim Überarbeiten nützlich.

Wenn der Plot eiert, unschlüssig oder unvollständig wirkt, empfiehlt es sich zu überprüfen, ob alle Set-Ups aufgelöst und alle Pay-Offs vorbereitet wurden. Erscheint die Geschichte deutlich langweiliger, als die Planung vermuten läßt, steht zu befürchten, daß nicht genügend Pay-Offs vorhanden sind, um den Leser / Zuschauer emotional hindurchzutreiben. In diesem Falle sollte man sich tatsächlich überlegen, bewußt derlei Erzählereignisse zu setzen und dann vorzubereiten, ohne den Text aufzublähen.








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