Dienstag, 7. August 2012

Treffen sich Hermann Hesse und Carl Gustav Jung auf meinem Katzenklo...

Annakin, wie Luke, mit vier Monaten
Wenn etwas meine, in den 80er Jahren aufgewachsene Generation einte (neben textilen Scheußlichkeiten), dann war es ein zivilisationskritischer Kulturpessimismus (zumindest in vager, subliminaler Form). Wir sind aufgewachsen im Schatten des Atompilzes. Die Ozonschicht wurde zerstört von Haarspray, und das war in den Achtzigern ein echtes moralisches Dilemma. Der saure Regen fraß unsere Wälder und bullige Kanadier verrichteten Grausamkeiten an quiekenden Robbenbabies zur Hauptsendezeit. Ich danke Monitor für diesen Alptraum meiner Jugend. Und kann bitte mal jemand an die Wale denken?

Kafka las man gerne, dessen labyrinthe Vorstellungswelt so sehr mit unseren Erfahrungen übereinzustimmen schien (Boy, were we wrong!). Hesse, Hermann Karl Hesse, las man auch gerne. Warum ist ja klar (Stichwort "zivilisationskritischer Kulturpessimismus"). Ich konnte (und kann) Hesse nicht ausstehen, larmoyante Befindlichkeiten, die in ihrer eigenen Banalität ersaufen, dabei kaum die Sehnsucht nach "Führung" oder zumindest "Anleitung" verhehlend, was einen aufrechten AntiFaler wie mich natürlich abstieß.



Aber auch ohne Ideologie gibt es genug Gründe, Hesse nicht zu mögen. Dieses permanente "Ich! Ich! Ich!". "Ich leide!" "Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so schwer?" Kleinbürgerliche Nabelschau.

Hauptsächlich aber stört mich, daß er nicht schreiben kann. Mann, war ich froh über mein Abi. Niemand mehr, der mit mir während einer Freistunde im Café Hintersinn bei einem Bier über Hesses Prosa (oder noch schlimmer, seine Gedichte) gründeln wollte. Ich glaube, ich habe seit 1988 nicht mehr an Hesse gedacht. Vollkommen verdrängt. Er ist kein Bestandteil meines Universums mehr.

Kafka aber ist cool.

Meine jüngste Katze - immerhin auch schon drei Jahre alt - ist ein Maine-Coone-EKH-Mix und uns zugelaufen, da paßte er auf meine Hand. Wilder Bursche. Er heißt Annakin (ja, wie Luke). Die beste Ehefrau von allen wollte das so. Ich war ja für Caethnar (ae = ei). Aber wer bin ich schon, Vorschläge einzureichen?

Wenn Annakin draußen ist, verschlingt er mehr Gras als ein bulimisches Merinoschaf. Er jagt auch. Aber dann läßt er die Beute liegen und frißt daneben Gras. Ich bilde mir ein, es ist ein Opferritual. Immerhin, er ist ein Langhaar und ich sollte dankbar sein, daß er sich freiwillig diese Mengen Grünzeug reinschaufelt. Dann kommt er rein, sucht sich einen Teppich, der möglichst gerade gereinigt wurde, und vollführt den Katzencountdown. Das hat er von unserem Großen (Caradoc, ja unsere Katzen haben seltsame Namen, der Tierarzt mag sie.)

Was das mit Hesse zu tun hat? Und mit Carl-Gustav Jung? Vor einigen Tagen sah ich den Kleinen, wie er seine Notdurft verrichtete. Muß man aufpassen: er sucht zwar brav sein Kistchen auf, positioniert sich dann aber so am Rand, daß sein kleiner Pelzarsch hinausragt, und kackt auf die Bodenfliesen. Dann wird er fast hysterisch beim Versuch, das zuzuscharren und leert gelegentlich das halbe Streu aus der Box auf den Boden. Auch so etwas: Er kann stundenlang streunen, aber wenn er aufs Klo muß, kommt er nach Hause. Kennt das jemand bei Katzen?

Was? Hesse? Richtig. Wir waren bei Hesse.

 Jedenfalls, seine (Annakins, nicht Hesses) Darmbewegungen liefern oft kleine, harte Kötel, die durch Gras zusammengehalten herauskommen wie eine Perlenschnur. "Bravo! Ein umfassender, allgemeingültiger Kommentar zum Glasperlenspiel." Er bekam Goodies zur Belohnung.

Woher das kam? Die Bemerkung, nicht die Kötel (die kamen vom Futter, falls das jemand noch nicht erahnt hat)? Keine Ahnung. 25 Jahre lang war Hesse nicht Bestandteil meiner Welt, und eine scheißende Katze ruft ihn mir ins Gedächtnis. Ich hab ihn dann gleich wieder vergessen. Sonntag regte mich dann ein reichlich unfairer Kommentar über George Lucas in einem Forum auf. Ich reagierte, wie ein wohlerzogener Internetbürger. Ich wütete in besagtem Forum und schrieb dann einen Blogartikel. Als der fertig war, erkannte ich, daß ich hier - neben vielem anderen - auch mal wieder Hesse auf vertraute Art und Weise schmähte.

Seltsam.

Heute schließlich zeigte mir Hesse vom Zeitschriftenstand den Stinkefinger. Wirklich. Der SPIEGEL hat eine Titelgeschichte mit HKH ("Der Störenfried - Sinnsucher, Dichter, Anarchist." Yeah! Nächste Woche: "Sack Reis in China umgefallen.") . Nebendran stand dann Carl Gustav Jung (ja, auch er kommt also vor) und winkte mir zu. Ich liebe Synchronizität. Viel spannender als diese Schmetterlingsflügel-Orkan-Geschichte, auf die amerikanische Science-Thrillerautoren so abfahren.

Offenkundig steht Hesses fünfzigster Todestag vor der Tür. Ich hatte davon (Hand aufs Herz) nix mitbekommen. Ich habe es extra nachgeprüft - die Online-Medien, die ich frequentiere, erwähnen das (noch) nicht, in den Foren und Blogs, die ich lese, war auch nichts zu finden. Fernsehen habe ich keines, und Zeitungen lese ich nur online, aber bestimmt nicht Musenböckchens Fanmeile a.k.a. "Feuilleton" (den Schirrmacher vielleicht ausgenommen).

Wirklich seltsam. Wie schreibt doch der SPIEGEL: "Hermann Hesse, einer der meistgelesenen Schriftsteller der Welt, wird entweder verachtet oder verklärt."  Ich habe ihn jetzt einige Tage lang aus ungeklärten Gründen wieder verachtet. Zeit ihn zurückzuschicken in den wohlverdienten Schlaf des Vergessens. Und sollte ich irgendwann noch einmal auf einen treffen, der, zumeist scharfen Alkohol bedächtig im Glase kreiselnd, darüber spricht, wie sehr ihn die humorige Melancholie der Ich-Dissoziation im Steppenwolf beeinflußt habe, dann mache ich mich so unbeliebt wie früher und zitiere einen echten Schriftsteller, so einen mit dem scharfen Blick über den Nabelrand des eigenen Knick-Egos hinaus, nämlich Karl Krauß:

"Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten."

Wozu dieser Artikel? Mmmh. Ich wollte, glaube ich, ein süßes Katzenbild veröffentlichen, ohne wie einer zu wirken, der süße Katzenbilder veröffentlichen will. Wegen der Streetcred und so. Dafür nimmt man auch den einen oder anderen Umweg inkauf.

Ein letzter Einwurf, passend zum Thema Literatur: Laut FAZ folgt dieser Beitrag stilistisch den Spuren von Ingo Schulz. Soso.


1 Kommentar:

Curima hat gesagt…

Katzen sind immer gut. Und das Foto ist wirklich süß. Aber ich hab gut gelacht beim Artikel, insofern kannst du gern öfter Katzenbilderposts auf diese Weise verschleiern ;)

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