Mittwoch, 2. Juli 2014

Helau und Alaaf. Karneval. Teil I.

Der diesmonatige RSP-Karneval, organisiert von Engors Dereblick, trägt den Titel Lebendige NSCs - wie man Figuren Tiefe verleiht und gibt gefühlte 4000 Anregungen, wie man das Thema anpacken kann.

Da ich lange nicht ernsthaft teilgenommen habe, setze ich mir mal ein ehrgeiziges Ziel. Ich sehe die Liste als Fragebogen und versuche, auf alle Fragen eine Antwort zu geben.

Auf alle.

Mal schaun, ob ichs packe. Fangen wir mit den ersten fünfen an.




1. Der Spielleiter als Multitalent: Wie schlüpfe ich glaubhaft in möglichst viele Rollen?

Ähem, Hust. Ja, da ist so ein Gerücht, daß man das könne, und als "guter" SL sogar können müsse, weswegen bestimmte "Autoren" in ihren "Abenteuern" ganze NSC-Horden mit Darstellungshinweisen aufmarschieren lassen. Schauen wir uns das mal an:

Professionelle Schauspieler nutzen zum Darstellen einer Figur Stimme; sorgfältig vorformulierte, dem Charakter entsprechende Texte; Kostüme; Interaktion mit der Umgebung; Licht; Schminke bis hin zu künstlichen Körperteilen; Kameraeinstellungen... Sie konzentrieren sich dabei auf nur einen einzigen Charakter.

Und trotzdem gelingt es nur wenigen Schauspielern, deutlich unterscheidbare Charaktere darzustellen. Wir sind mit prägnanten Typen ja schon zufrieden.

Zum Vergleich: Der SL hat seine Stimme, das wars. Vielleicht noch ein paar Props. Damit soll er im Minutentakt verschiedenste Charaktere aller Geschlechter und Spezies "glaubhaft" darstellen, während Kanonen wie Robert DeNiro mit all dem o.a. Aufwand daran scheitern, Frankensteins Monster zu spielen. Unter der Regie von Kenneth "The Bard's Heir" Brannagh.

Vergiß es, ist nicht möglich. Diese Erkenntnis sei auch allen "Abenteuerautoren" mitgegeben, die in einem Badepuff mal eben 200 NSC in die Hände des SL legen, der anschließend keine Hand mehr frei hat, die Kinnlade vom Boden aufzuheben.

Als SL nutze Deine Darstellungskunst, das bißchen, das uns gegeben ist, für die wirklich wichtigen NSC. Laß alle anderen zu Karikaturen verkommen oder vollkommen langweilig, blaß und austauschbar sein. Bau, wenn Du Zeit hast, ein paar kleine Auffälligkeiten ein, die u.U. Wiedererkennung ermöglichen. Nimm die Reaktionen der Spieler auf und verwende sie. Aber scher Dich keinesfalls um die "Güte" Deiner "Darstellung", Du hast auch ohne das genug zu tun.

2. Wie schmücke ich einen Charakter in der Gestaltung aus: Welche Beschreibungen und Hilfestellungen für den Spielleiter sind notwendig?

Ich liebe ja immer die Publikationen, die mir in einer Stichwortliste mitgeben, wie der NSC auf bestimmte Aktionen und Ansprachen der SC reagieren wird. Ist doch sinnlose Arbeit. Gib mir simpel die Funktion des NSC innerhalb der Handlung und seine Motivation, seine Zielsetzung.

Mit anderen Worten: Die ideale Beschreibung eines NSC ist eine Rollenbeschreibung, die der SL spielen kann. Davon wird er sie nicht zwangsweise gut spielen, aber immerhin hat er etwas, das ihm den NSC plausibel und nachvollziehbar in die Geschichte bringt.

Über Funktion und Motivation hinaus ist die Ein-Satz-Methode für Statisten vollkommen ausreichend, die Name, Erscheinung und soziale Einbindung kurz beschreibt. Auffälligkeiten sind, wie gesagt, vielleicht nützlich. Spielwerte sind ein Muß, sobald auch nur die Möglichkeit besteht, daß sie ernsthaft ins Spiel kommen.

Für wichtigere NSC können dann je ein zusätzlicher Satz für weitere Bereiche der Figur hinzukommen, z.B. die Geschichte, Umgangsformen, herausragende Eigenschaften... Kurz: Alles was diesen wichtigen NSC zu einem wichtigen NSC macht, ihn herausragen läßt aus der Masse der vielen Statisten, und es ihn wert sein läßt, daß ich ihm besonderes Augenmerk schenke.

Sprachmuster sind überschätzt, schaden aber auch nicht, der ein oder andere SL wird sich am Tisch dran erinnern und was damit anfangen können.

Weiterführende Artikel zu speziell diesem Thema auf diesem Blog sind:


3. Das Wertedilemma: Welche Werte passen zu einem NSC, der einen ebenbürtigen Gegenpol für die Spielercharaktere darstellt?

Ich bin mir nicht ganz sicher wie diese Frage gemeint ist. Es impliziert irgendeinen, scheinbar nicht kampforientierten Balancing-Gedanken und auch ein Ausrichten der NSC an den SC. Mmmh.

Prinzipiell ist die Welt (das Setting) so wie sie ist. Wenn Ganlyn der Größte Magier Aller Zeiten ist, dann ist er der GröMaZ, ungeachtet der SC, oder (Plottwist) er ist ein Scharlatan. Oder den SC gelingt es, über ihn hinauszuwachsen. Stufensysteme finde ich hier sehr nützlich, um die Gewichtungen herzustellen ("Die böse Hexe Vaemyr liegt immer min. 5 Stufen über dem höchsten SC der Charaktergruppe und steigt min. 1 Stufe pro Monat auf."). Punktkaufsysteme erlauben das natürlich auch, bedeuten aber etwas mehr Aufwand.

4. Das Regeldilemma: Mein Schurke kann Unmögliches

Im Moment bin ich einfach zu blöde, das Problem zu verstehen. Vielleicht nimmt das ein anderer Blogger auf, der das deutlich machen kann.

Jan hat es mir in den Kommentaren verdeutlicht: "Ich denke, es geht darum, dass NSCs gerne mal Dinge können (sollen), die über das laut Regeln mögliche hinausgehen und wie man damit umgehen soll."

Aaaah. Ich halte mich stets strikt an die Regeln, wenn ich NSC erschaffe. In OD&D-Variäten ist das faktisch gleichbedeutend mit "Es gibt nichts, was unmöglich ist, wenn man die entsprechende Stufe erreicht hat". Noch besser finde ich in dieser Hinsicht aber Systeme, die diese Regel aufweisen (Savage Worlds, Gentlemen's Edition Revised, S. 264):
Beachte die Spielleiterregel Nummer 1, wenn es um NSCs geht: Entwirf sie nicht! Erstelle Deine NSCs nicht mit den Regeln für die Charaktererschaffung. Gib ihnen einfach die Werte, die sie in ihren Fertigkeiten und Attributen deiner Meinung nach für ihre Rolle in der Spielwelt brauchen.
Wenn ich trotz Stufenpower oder Handwedeln NSC mit "unmöglichen" Fertigkeiten benötige, dann habe ich das Problem, daß dieser NSC wahrscheinlich Setting und/oder Spielgefühl sprengen kann. Dann heißt es, zurück ans Reißbrett.

5. Das abgrundtief Böse: Braucht ein Charakter überhaupt Grauschattierungen oder kann auch ein Klischeecharakter reizvoll sein?

Uff. Wir betreiben letztlich keine Hochliteratur und ein gewisser Pragmatismus sollte dem gestreßten SL wohl vergönnt sein. "Grauschattierungen" bedeuten Uneindeutigkeiten im Charakter und ein uneindeutiger Charakter verweigert sich den groben Pinselstrichen der Darstellung, die uns den Job als SL vereinfachen. Wenn ich Wert auf glaubhafte Darstellung lege, dann ist Subtilität eigentlich Gift, oder zumindest verdammt viel mehr Arbeit.

Klischees sind wertvoll, nützlich, Brot und Butter des SL-Alltags, weil sie in uns sofort eine gemeinsame Vorstellung abrufen, die sich in weiten Teilen deckt. Das sprüht, das lebt, das ist bunt. Das gebrochene Klischee, das (auch von mir) vielzitierte, ist ebenfalls zu einem Klischee verkommen und reiht sich in diesen Reigen ein. Wie schön.

Letztlich liegt es natürlich an der Kampagne und den Zielsetzungen der Gruppe, wie subtil die Figuren angelegt werden müssen. Es ist eben ein Unterschied, ob ich in der Welt von Gatsby the Barbarian mit meinem W20 Ärsche trete oder in der von The Great Conan ein fragiles Beziehungsgeflecht mit Jenga-Klötzchen in die Tragödie treibe.


Das waren die ersten fünf. Das wird mehr Arbeit, als ich dachte (To be continued).

Kommentare:

Jan hat gesagt…

"Vergiß es, ist nicht möglich. Diese Erkenntnis sei auch allen "Abenteuerautoren" mitgegeben, die in einem Badepuff mal eben 200 NSC in die Hände des SL legen, der anschließend keine Hand mehr frei hat, die Kinnlade vom Boden aufzuheben."

Wunderschön formuliert :)

Zu 4.: Ich denke, es geht darum, dass NSCs gerne mal Dinge können (sollen), die über das laut Regeln mögliche hinausgehen und wie man damit umgehen soll. Oder meine Frage: was soll der Scheiss? Wenn man einen Joker braucht als SL, dann gibt im Regelfall Magie dafür, aber einfach Regeln brechen ist nicht.

Ansonten kann ich mich dir in vielen Punkten anschließen, aber zu 1. will ich nicht unerwähnt lassen, dass ernsthafte Schauspieler ja eine deutlich hochwertigere und realistischere (man kann auch sagen "subtilere") Darstellung bringen sollen als ein SL. Dieser kann an den unter 5. erwähnten Klischees auch bei der Darstellung bedienen und fleißig mittel bis stark übertreiben. Damit ist es für ihn einfacher und er kann vielleicht auch zwei NSCs zusammen darstellen, aber selbst das ist auch dann schon schwer und mehr geht garantiert nicht.

Engor hat gesagt…

Witzige Idee, gleich alle Anregungen aufzunehmen. Von einigen Dingen hab ich selbst keine Ahnung, die einzelnen Fragen waren eher ein Ergebnis eines Brainstormings mit mir selber, unter welchen Blickwinkeln man sich mit dem Thema auseinandersetzen könnte.
4. war das Ergebnis einer Forendiskussion, die ich kürzlich irgendwo gelesen habe. Dabei ging es um die Frage, ob ein NSC auch Fähigkeiten haben darf, die das Regelwerk nicht zulässt, z.B. wenn ein Zauberer aus dramaturgischen Gründen einen Effekt erzeugt, der im entsprechenden Regelwerk nicht vorgesehen ist oder sogar eigentlich ausgeschlossen wird.

TheShadow hat gesagt…

Klar ist das überspitzt. Ich lege keine Meßlatte an, die Oscarleistungen verlangt. Ich denke, Theater Wiesbaden ist schon viel zu hoch. Die Frage schien mir einfach nur zu hohe Ansprüche an den SL zu formulieren, denen niemand genügen *kann*.

Man kann schon einzelne, ausgewählte NSC, wie gesagt, mit unterscheidbarem Leben erfüllen und wenige Statisten als Farbtupfer mit Mühe ausgestalten. Aber solche NSC-Orgien wie das erwähnte Badehaus sind zumindest in dieser Hinsicht zum Scheitern verurteilt.

Meine beste Leistung darf ich nicht beschreiben, weil politisch so unkorrekt wie möglich. Aber es war eine Taverne, darin ein halbes Dutzend unterscheidbarer Figuren, die mit sich und den SC in hohem Tempo interagierten.

Was die 4) angeht. Danke, jetzt seh ich klarer.

TheShadow hat gesagt…

Witzige Idee, gleich alle Anregungen aufzunehmen.

Es war ein sehr anregender Einstiegsartikel. :) Da ich mich nicht entscheiden konnte für einen langen Artikel, dachte ich mir einfach, einige Absätze zu allen. Ich schein da ja nicht der einzige zu sein.

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