Dienstag, 1. Juli 2014

Lernverhalten bei Kleintieren

Episch. Die Algerier ham die Unseren mit einer Variante der veralteten Manndeckung in die Verlängerung gezwungen, das deutsche Gegenpressing ignoriert und die Deutschen phasenweise an die Wand gespielt. Aber sie sind an Neuer verzweifelt, der tatsächlich Torwart und Libero (hängt hinter der Abwehr, fängt schnelle Gegenstöße vor dem Strafraum ab und eröffnet das Spiel mit seinen (langen) Pässen nach Sicherung) in einem gab. Sowas nennt man glaube ich "Torwartkette", hab das so aber noch nicht gesehen. 

Da steckte wohl ein Plan dahinter, Löw wird ja wohl wissen, daß Mertesacker langsam ist und überlaufen wird, wenn die Viererkette so aufrückt wie gestern. Neuer spielte ein außergewöhnliches Spiel und verströmte dabei Eiseskälte. Und offengestanden war es wohl Löws einziger Plan, der gestern Abend aufging.

Das war Drama, nicht hochklassig, aber stets aufregend und oft mitreißend. Gibt keine schöneren Siege als die, bei denen man sich mit letzter Kraft ins Ziel schleppt. Die Nordafrikaner hätten den Triumph allerdings auch verdient gehabt.

Also gegen Frankreich. Die strahlten gegen Nigeria auch nicht unbedingt Dominanz aus. Deutschland hat eine gute Chance in diesem Klassiker. Allerdings wären da noch ein paar klitzekleine Anmerkungen...

Hi. Der Sesseltrainer schreibt hier.
"Wir hatten nur Probleme in der ersten Halbzeit, da haben wir den Gegner zu Kontern eingeladen. In der zweiten Hälfte hatten wir eine viel bessere Spielanlage und haben uns sieben, acht Torchancen herausgespielt. Am Ende war es ein Sieg des Willens und der besseren Physis."
Hat der Löw so gesagt. Mal gespannt, ob er versteht, was er da sagt. Warum wars denn in der zweiten Halbzeit besser, Herr Löw, wie sah denn diese "bessere Spielanlage" aus?

Vorne klar, Schürrle. Solange Götze dem Spielbetrieb die Luft wegatmete, kreiselte das Spiel der Deutschen um den Strafraum, wenn es überhaupt so weit kam. Müller braucht Schürrle oder Klose vorne, Spieler, die in den Strafraum brechen und ihm entweder den Weg freimachen oder sich für eine Vorgabe anbieten. Ohne einen Strafraumspieler schlägt auch Müller nur begrenzt durch.

Wenn es denn mal an den Strafraum kam. Das Mittelfeld ist in seinen Offensivbemühungen gehemmt, weil die Außen von zwei Innen übernommen worden sind, denen einfach das Spielverständnis abgeht, das auf dem Posten gebraucht wird. Wenn die Außen - das gilt v.a. für Boateng -  nach vorne gehen, sind sie a) nicht sehr durchschlagend und b) oft nicht schnell genug zurück, weil sie den richtigen Moment verpassen, und dann klaffen riesige Lücken. Als Mustafi sich verletzt hatte, ging Lahm auf Außen. Das kann er (anderes nicht) wie kaum ein anderer in Europa, und sofort war das Spiel druckvoller nach vorne.

...und gleichzeitig sicherer in der Abwehr. Khedira, wenn auch noch weit von Bestform entfernt, versieht die zentrale Defensive im Verbund mit Schweinsteiger (die vielzitierte "Doppelsechs") vor den Innen bereits wieder sehr gut. Mit Lahm auf Außen (schon wieder der) ist auch rechts (weitgehend) dicht. Der Anschlußtreffer Algeriens in der letzten Minute kam dann von außen über links (Höwedes) und der Abschluß des Algeriers zeigte, wie sehr Hummels zentral gefehlt hat gestern.

Wie anders? Durm und Lahm auf Außen, schlechter als Höwedes kann der Durm nicht sein, und als gelerntem Außen besteht bei ihm wenigstens Aussicht auf Besserung. Höwedes wirkt von Spiel zu Spiel verunsicherter. Innen Hummels und Mertesacker, im Zweifelsfalle kann hier Boateng einspringen. Khedira, Schweinsteiger und Kroos ins Zentrum, sollte Schweinsteiger schlappmachen (der gestern schöne Offensivimpulse gab und sich manchmal neben und vor Kroos positionierte (war das schon eine Zehn?)), kann Kramer ihn ersetzen, der gestern seinen bei Favre antrainierten Offensivdrang kurz aufblitzen lassen konnte und gut eingebunden war.

Sollte Khedira sich im Spielverlauf erschöpfen, dann erst (und nicht vorher) sollte Lahm mangels Alternative ins Zentrum, der dann auf Außen von Boateng oder Großkreutz vertreten wird. Beten, daß es dann schon 2:0 für Deutschland steht. Vorne Müller, Schürrle (oder Klose) und Özil von der Kette lassen, die dann zumindest von rechts auch ausreichend unterstützt werden. Hier hat man den absoluten Luxus, je nach Spielverlauf mit Klose, Podolski und Götze feintunen zu können.

Auf alle Fälle sollte Schluß sein mit dem Unsinn zwei Innen auf Außen und Lahm auf die Sechs, sowie vorne keinen Stoßstürmer. Seitdem ist das Spiel der Deutschen sehr viel langsamer, ineffizient nach vorne (kein Stürmer, keine offensiven Außen) und anfällig nach hinten. Gestern haben sie dann doch noch gezeigt, was sie können, die Verlängerung und die 15 Minuten davor waren richtig guter Fußball, der auch Ergebnisse zeitigt.

Was sagen wohl die anderen 82 Millionen Trainer dazu?

Was positiv auffällt: Die Mannschaft gewinnt Charakter und hat auch keine Probleme damit, dreckig zu gewinnen. Das sind nicht mehr die lieben Buben, die nur spielen wollen.

Update 1

Zonalmarking hat die Spielbesprechung jetzt online. Auch dort: Schürrles Einwechslung und Lahms Positionswechsel waren die Schlüssel des Spieles. Ja. Alle sehen es...

Update 2

Wer heute das die letzten 50 Minuten über mitreißende Spiel Belgien - USA gesehen hat, weiß, wie wichtig schnelle, offensive  Außenverteidiger sind, die kämpfen bis zum Erbrechen (wirklich). Das war Kombinationsspiel vom Feinsten, was die Belgier aufgezogen haben.

Und Oliver Kahn ist moppelig geworden.

Update 3
"Ich habe meine Entscheidungen getroffen, auch was die Rolle von Philipp Lahm betrifft. Und dazu stehe ich bis zum Schluss", sagte Löw der Wochenzeitung "Die Zeit". 
Halten wir fest: Löw begründet seine Entscheidungen damit, sie getroffen zu haben, nicht aber mit ihrer Nützlichkeit. Schön. Zweitklassige Innen gehen auf die Außen, erstklassige Außen geben zweitklassige Sechser. Perfekt. Das hat ja jetzt dreimal so toll funktioniert.


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