Dienstag, 20. März 2012

Child 44 von Tom Rob Smith

Das Erstlingswerk aus der Feder eines jungen Engländers aus dem Jahre 2008. Thema ist eine literarische Verarbeitung des "Schlitzers von Rostow" verwoben mit dem Hintergrund der UdSSR zu den Zeiten um Stalins Tod.

Mann, beginnt das Buch toll.

Smith läßt sich Zeit mit seinem Plot und seinem Protagonisten Leo, einem Hauptmann des Staatsschutzes der glorreichen Sowjetunion. Mehr als die erste Hälfte des Romans beschäftigt sich mit dem Setting und dem Charakter, der berufsbedingt nur begrenzt Sympathie verbreitet. Auch die anderen Figuren sind interessant und gut gezeichnet.

Smiths Prosa glänzt dann besonders, wenn er wortkarg einen Teppich aus Paranoia, Größenwahn und Selbstverleugnung webt, das Bild einer Welt in Grau und Schwarz, in der ein unbedachtes Wort vor einem Kind den Tod bedeuten kann. Darüber wabert Stalin in seinen letzten Zügen. Die Atmosphäre Russlands zwischen 1950 und 1953 wurde selten besser getroffen, ebenso die geistige Deformationen einer solchen Gesellschaft. Waisenhäuser, die Lubjanka und Irrenanstalten formen ein Panoptikum des absichtslos Bösen.

In diese Schilderungen einer deprimierenden Gefährlichkeit schleicht sich in der ersten Hälfte wie ein Wolf die Handlung um den Serienmörder, der Kinder reißt. Da per definitionem im Paradies der Werktätigen eine solche Bestie nicht existieren kann, gestalten sich die Ermittlungen nicht nur schwierig, sondern auch gefährlich. Theoretisch ist die Akzeptanz eines solchen Täters ein Verrat an der reinen Lehre, sowas kann auch einen MGB-Mann rasch ins Gulag bringen.

Die erste Hälfte von Child 44 gehört zum Besten, was ich seit Jahren im Thrillergenre gelesen habe, vielleicht das beste seit Silence of the Lambs.

Leider beschleunigt sich dann der Plot. Stilistisch zwar immer noch brillant werden nach und nach die üblichen Wicklungen, Wendungen, Einsatzerhöhungen und Offenbarungen des Genres abgearbeitet. Das liest sich immer noch gut, aber man ahnt, es wird in einer Enttäuschung enden. Das hohe Niveau der ersten Hälfte wird weit unterschritten, mit Ausnahme vielleicht der Entwicklung um die Beziehung Leos zu seiner Frau Raissa.

Wie schlecht das Buch endet, ahnte ich aber nicht. Smith realisiert nicht, daß seine auf den Ermittler konzentrierte Erzählung mit ihrer Intimität des Monströsen eben nicht den ganz großen Hammer braucht, die absolut "überraschende" Enthüllung wie z.B. Robert Harris Archangel ("Woa! Stalins Sohn??!"). Child 44 ist dafür gar nicht ausgelegt, eine bescheidene Auflösung hätte dem Ganzen zu Gesicht gestanden, sogar ein vollkommenes Scheitern von Leos Bemühungen. Aber nein, da wird auf einmal alles mit allem in Beziehung gesetzt, und wir haben auf den letzten 50 Seiten eine Soap Opera voll grimmer Enthüllungen, die zu diesem Zeitpunkt schon lange keine mehr sind.

So schade. Mann, beginnt das Buch toll. Mann, hört es schlecht auf.

Trotzdem, auch wenn es am Schluß auf das Niveau skandinavischer Edellangweiler herabsinkt, macht die erste Hälfte aus Child 44 eine packende Lektüre, die zumindest besser geschrieben ist, als 90% seiner Konkurrenz und vor einem recht unverbrauchten Hintergrund angesiedelt ist.

3,5 von 5 Punkten.

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